Tunnel der Hoffnung Sarajevo — Geschichte & Besuch
Das unterirdische Lebenswerk der Belagerung — was der Tunnel wirklich bedeutet
Autor: Matthias Köhler
Was ist der Tunnel der Hoffnung — und warum ist er so bedeutsam?
Der Tunnel der Hoffnung (bosnisch: Tunel spasa) ist ein 800 Meter langer unterirdischer Gang, der zwischen März und Juli 1993 unter der Start- und Landebahn des Sarajevoer Flughafens gegraben wurde. Er verband das belagerte Stadtgebiet von Sarajevo mit dem freien bosnischen Territorium auf der anderen Seite — konkret: den Stadtteil Dobrinja auf der Stadtseite mit dem Dorf Butmir auf der freien Seite. Während der Belagerung von Sarajevo (1992–1995), der längsten Belagerung einer Hauptstadt in der Geschichte moderner Kriegsführung, war dieser Tunnel buchstäblich die einzige Verbindung nach außen.
Durch ihn flossen täglich Lebensmittel, Medikamente, Munition, Treibstoff und Informationen. Durch ihn schlichen sich Journalisten, Diplomaten und Zivilisten. Durch ihn wurde eine Stadt von 350.000 Menschen am Rande des Todes gehalten. Kein anderes Objekt in Sarajevo verdichtet die Geschichte dieser 1.425 Tage so kompromisslos wie dieser schmale, feuchte Gang.
Die Geschichte des Tunnels — Bau unter Beschuss
Im Winter 1992/93 war die Lage in Sarajevo katastrophisch. Der Flughafen wurde zwar unter UN-Aufsicht für humanitäre Hilfsflüge genutzt, doch die Bevölkerung konnte ihn nicht überqueren — das Gelände war entmilitarisierte Zone, Zivilisten, die es versuchten, wurden erschossen. Die Idee eines Tunnels darunter stammte aus verschiedenen Quellen gleichzeitig, wie das bei Überlebensinnovationen oft ist. Die bosnische Armee (ARBiH) koordinierte schließlich den Bau.
Zwei Gruppen gruben gleichzeitig von beiden Seiten — eine Ingenieursleistung unter extremen Bedingungen, ohne schweres Gerät, mit einfachen Pickel und Schaufel. Am 30. Juli 1993 trafen die beiden Tunnelenden aufeinander. Die Abweichung betrug nur wenige Zentimeter — ein Präzisionsergebnis, das Bauingenieure unter normalen Umständen als respektabel bezeichnen würden, unter Artilleriebeschuss grenzt es ans Wunderbare.
Der fertige Tunnel maß im Schnitt 1,5 Meter Höhe und 1 Meter Breite. Durch ihn liefen täglich bis zu 4.000 Menschen gebückt in beide Richtungen. Eine Stromleitung und später eine Treibstoffpipeline wurden verlegt. Bis Kriegsende 1995 passierten geschätzte 1 Million Tonnen Material diesen Gang — eine Zahl, die man kaum fassen kann, wenn man vor dem Original steht.
„Der Tunnel war nicht nur ein Bauwerk. Er war der Wille einer Stadt, nicht aufzugeben." — Nedžad Branković, ehemaliger Premierminister des Kantons Sarajevo und Überlebender der Belagerung
Mein Besuch — was dich heute erwartet
Ich war zum ersten Mal 2004 am Tunnel, damals noch ein halboffizielles Arrangement mit der Familie Kolar, die das Haus über dem Tunneleingang besaß und bewohnte. Seither habe ich den Ort bei jedem meiner Sarajevo-Aufenthalte besucht — insgesamt siebenmal. Die Veränderungen sind bemerkenswert: Was einst ein improvisiertes Familienmuseum war, ist heute eine professionell kuratierte Gedenkstätte, ohne dabei seinen intimen Charakter verloren zu haben.
Das Tunnel-Museum befindet sich im Stadtteil Butmir, Ulica Tunela 1, direkt neben dem Flughafen. Das Haus der Familie Kolar — das sogenannte Kolar-Haus — steht noch immer und ist Teil der Besichtigung. Im Erdgeschoss befinden sich Ausstellungsräume mit Originalgegenständen: Waffen, Uniformen, Radios, medizinisches Gerät, Fotos. Manche Vitrinen wirken fast provisorisch, und das ist gut so — es passt zur Geschichte.
Der eigentliche Tunnel: Von den ursprünglichen 800 Metern sind heute noch etwa 25 Meter begehbar. Der Rest wurde nach dem Krieg aus Sicherheitsgründen geschlossen oder ist eingestürzt. Wer erwartet, die gesamte Strecke abzulaufen, wird enttäuscht sein. Wer jedoch versteht, dass diese 25 Meter reichen, um die Enge, die Dunkelheit und die feuchte Kälte zu spüren, die jeder Mensch dort erlebt hat — der kommt anders heraus als er hineingegangen ist.
Bei meinem letzten Besuch im Frühjahr 2025 war der Andrang moderat, ein Reisebus aus Deutschland war gerade angekommen. Der Audioguide auf Deutsch ist gut gemacht, aber ich empfehle, ihn wegzulassen und stattdessen mit einem der lokalen Guides zu sprechen, wenn einer verfügbar ist. Die persönlichen Erzählungen — oft von Menschen, die den Krieg selbst erlebt haben — sind durch nichts zu ersetzen.
Praktische Informationen für deinen Besuch
| Information | Details |
|---|---|
| Adresse | Ulica Tunela 1, Butmir, 71210 Sarajevo |
| GPS | 43.8316° N, 18.3148° O |
| Öffnungszeiten | April–Oktober: täglich 9–17 Uhr; November–März: täglich 9–16 Uhr |
| Eintritt | Erwachsene 10 KM (ca. 5 €); Kinder unter 7 Jahren frei |
| Führungen | Audioguide inklusive (Deutsch verfügbar); geführte Touren über GetYourGuide ab 25 € |
| Anreise | Tram Linie 3 bis Endstation Ilidža, dann Taxi (ca. 10 min, 5–7 KM); oder direkt Taxi ab Baščaršija (ca. 20–25 min, 15–20 KM) |
| Parkplatz | Vorhanden, kostenlos |
| Dauer | 60–90 Minuten (mit Film und Ausstellung) |
| Barrierefreiheit | Ausstellung zugänglich, Tunnel selbst nicht rollstuhlgerecht |
Tipp: Der Dokumentarfilm, der im Museumsgebäude gezeigt wird, dauert etwa 20 Minuten und gibt einen ausgezeichneten Überblick. Er ist auf Englisch mit deutschen Untertiteln verfügbar. Schau ihn zuerst — er kontextualisiert alles, was du danach siehst.
Der Tunnel im historischen Kontext — warum die Belagerung so lange dauerte
Um den Tunnel wirklich zu verstehen, muss man die Belagerung von Sarajevo einordnen. Vom 5. April 1992 bis zum 29. Februar 1996 — offiziell 1.425 Tage — hielten Einheiten der Vojska Republika Srpska (VRS) unter General Ratko Mladić die Stadt in einem Ring aus Artillerie und Scharfschützen. Die Hügel rund um Sarajevo — Trebević, Jahorina, Bjelašnica — wurden zu Stellungen, von denen aus täglich Granaten in Wohngebiete, Märkte und Krankenhäuser fielen.
Der Flughafen wurde 1992 unter UN-Mandat für humanitäre Hilfsflüge freigegeben, doch die Versorgung reichte bei weitem nicht aus, und Zivilisten durften ihn nicht passieren. Wer nachts über das Rollfeld zu schleichen versuchte, riskierte erschossen zu werden — von welcher Seite auch immer. Der Tunnel war die Antwort auf dieses Dilemma.
Was mich als Historiker immer wieder beschäftigt: Der Tunnel war nicht nur logistisch entscheidend, sondern psychologisch. Er bewies, dass die Stadt nicht vollständig eingeschlossen war. Er gab der Bevölkerung das Gefühl — und das war keine Illusion — dass Sarajevo kämpft und nicht aufgibt. In meinem Buch Sarajevo — Stadt der vier Religionen (C.H.Beck, 2019) habe ich versucht, diese psychologische Dimension der Belagerung zu beschreiben. Der Tunnel ist ihr materieller Ausdruck.
Was der Tunnel über Sarajevo heute aussagt
Sarajevo ist eine Stadt, die ihre Wunden nicht versteckt, aber auch nicht in ihnen versinkt. Das Tunnel-Museum steht dafür exemplarisch. Es ist kein Triumphmuseum — es feiert keinen Sieg, denn der Krieg war kein Sieg für irgendjemanden. Es ist ein Erinnerungsort im besten Sinne: ehrlich, dokumentarisch, ohne Pathos.
Was mich bei jedem Besuch neu trifft: die Normalität der Gegenstände. Ein Paar Turnschuhe, die jemand durch den Tunnel getragen hat. Eine Thermoskanne. Ein handgeschriebener Zettel mit einer Einkaufsliste. Geschichte wird in solchen Momenten greifbar — nicht durch große Erzählungen, sondern durch das Konkrete.
Wer Sarajevo besucht und den Tunnel auslässt, versteht die Stadt nicht. Das klingt hart, aber ich meine es so. Die Baščaršija, die Lateinerbrücke, die Vijećnica — all das gehört dazu. Aber der Tunnel erklärt, warum diese Stadt heute so ist, wie sie ist: zäh, selbstironisch, überlebensstark und dabei erstaunlich offen gegenüber Fremden.
Kombination mit anderen Kriegsgedenkstätten in Sarajevo
Wer sich einen Tag für die Kriegsgeschichte Sarajevos nimmt, kann den Tunnel gut mit weiteren Orten verbinden:
- Galerija 11/07/95 (Ferhadija-Straße, Innenstadt): Die eindringlichste Ausstellung zum Massaker von Srebrenica. Pflichtbesuch, aber emotional fordernd — plane Zeit ein.
- Markale-Markt (Markale, Innenstadt): Der Markt, auf den 1994 und 1995 Granaten fielen und Dutzende Zivilisten töteten. Heute wieder ein normaler Markt — gerade das macht ihn so verstörend.
- Kriegstour mit Veteran (GetYourGuide, ab 39 €, Bewertung 4,9/5): Wer mit einem Überlebenden durch die Stadt geht, erlebt Geschichte anders als in jedem Museum. Ich habe diese Tour mehrfach begleitet und war jedes Mal beeindruckt von der Offenheit der Guides.
- Scharfschützenallee (Snajperska aleja, heute Zmaja od Bosne): Die breite Straße entlang des Miljacka-Flusses, die während der Belagerung unter permanentem Scharfschützenfeuer stand. Heute eine normale Stadtstraße — die Stille dort ist laut, wenn man weiß, was war.
Ich empfehle, den Tunnel am Morgen zu besuchen, wenn die Reisebusse noch nicht da sind. Nachmittags kann es voll werden, besonders im Sommer. Die Kombination Tunnel am Vormittag — Galerija 11/07/95 am Nachmittag — ist intensiv, aber stimmig. Plane danach Zeit für einen langen bosnischen Kaffee ein. Du wirst ihn brauchen.
FAQ — Häufige Fragen zum Tunnel der Hoffnung
Wie lange ist der begehbare Teil des Tunnels?
Heute sind noch etwa 25 Meter des ursprünglich 800 Meter langen Tunnels zugänglich. Der Rest wurde nach dem Krieg aus Sicherheitsgründen gesperrt oder ist eingestürzt. Diese 25 Meter reichen jedoch aus, um die Enge und Atmosphäre des Originals zu spüren.
Wie komme ich vom Stadtzentrum Sarajevo zum Tunnel?
Am einfachsten mit dem Taxi direkt vom Hotel (ca. 15–20 KM, 20–25 Minuten). Alternativ: Tram Linie 3 bis Endstation Ilidža, dann Taxi oder Uber (ca. 10 Minuten, 5–7 KM). Mit dem Mietwagen ist Parkplatz vorhanden.
Wie viel kostet der Eintritt?
Der Eintritt beträgt 10 KM (ca. 5 €) für Erwachsene. Kinder unter 7 Jahren zahlen nichts. Im Preis enthalten ist der Audioguide (auch auf Deutsch) sowie der Dokumentarfilm.
Ist der Tunnel für Kinder geeignet?
Das hängt vom Alter und der Reife der Kinder ab. Die Ausstellung zeigt Kriegsmaterial und historische Fotos, die für jüngere Kinder belastend sein können. Für Jugendliche ab etwa 12 Jahren ist der Besuch sehr lehrreich. Der Tunnel selbst ist niedrig (1,5 m) und eng — für manche Kinder spannend, für andere beängstigend.
Kann ich den Tunnel ohne Führung besuchen?
Ja, der Audioguide ist im Eintrittspreis enthalten. Eine geführte Tour lohnt sich dennoch, wenn du tiefer in die Geschichte einsteigen möchtest. GetYourGuide bietet Touren ab 25 € an, die den Tunnel mit weiteren Kriegsgedenkstätten kombinieren.
Gibt es in der Nähe Restaurants?
Im Museumsgelände selbst gibt es ein kleines Café. Für ein vollständiges Mittagessen empfehle ich, nach Ilidža zu fahren (10 Minuten) oder direkt zurück ins Stadtzentrum. Der Stadtteil Butmir selbst bietet wenig gastronomische Optionen.
Mein Fazit nach 18 Reisen und sieben Besuchen
Ich habe in meiner Zeit als Balkanologe viele Gedenkstätten besucht — in Srebrenica, in Vukovar, in Mostar. Jede hat ihre eigene Sprache. Der Tunnel der Hoffnung spricht in einer besonders direkten: Er lässt dich buchstäblich in die Geschichte eintreten, gebückt, in der Dunkelheit, mit dem Geruch von feuchter Erde.
Was mich nach all den Jahren noch immer bewegt: Die Menschen, die diesen Tunnel bauten und nutzten, hatten keine heroische Wahl. Sie hatten die einzige Wahl, die ihnen blieb. Das ist der Unterschied zwischen Geschichte als Erzählung und Geschichte als gelebte Realität. Der Tunnel macht diesen Unterschied spürbar — und das ist mehr, als die meisten Museen dieser Welt leisten.
Wenn du nach Sarajevo fährst — und du solltest — dann geh in den Tunnel. Nicht als Tourist, der eine Sehenswürdigkeit abhakt. Sondern als Mensch, der verstehen will, was es bedeutet, wenn eine Stadt beschließt, nicht aufzugeben.
Weiterführende Informationen zur Belagerung von Sarajevo bietet das International Commission on Missing Persons (ICMP). Eine detaillierte historische Einordnung findet sich auch auf der Wikipedia-Seite zur Belagerung von Sarajevo.