Stećci — Mittelalterliche Grabsteine als UNESCO-Welterbe

Bosniens steinerne Zeugen: 70.000 Grabmäler zwischen Geschichte und Mythos

Autor: Selma Jusufović

Was sind Stećci — und warum sind sie so besonders?

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich als Studentin der Kunstgeschichte zum ersten Mal vor einer größeren Nekropole stand — auf dem Hochplateau von Radimlja bei Stolac, an einem späten Septembernachmittag 2003. Die Steine warfen lange Schatten. Niemand sonst war dort. Und ich stand vor Monumenten, die Jahrhunderte überdauert hatten, ohne dass die Welt wirklich Notiz davon genommen hätte.

Stećci (Singular: stećak) sind monolithische Grabdenkmäler aus Kalkstein, die zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert im mittelalterlichen Bosnien entstanden. Sie sind einzigartig in Europa — weder im byzantinischen Osten noch im romanischen Westen findet man etwas Vergleichbares. Ihre Formen reichen von schlichten Platten (ploče) über kastenförmige Quader (sanduk) bis hin zu imposanten Satteldach-Monumenten (sljemenjak), die an kleine Häuser erinnern. Die größten Exemplare wiegen bis zu 30 Tonnen.

Was sie so rätselhaft macht: Ihre genaue religiöse und kulturelle Zuordnung ist bis heute nicht vollständig geklärt. Lange wurden sie ausschließlich mit den Bogomilen — einer dualistischen Häresie des Mittelalters — in Verbindung gebracht. Diese These ist inzwischen von der Forschung weitgehend revidiert. Die meisten Stećci entstanden in einem Umfeld, das sowohl orthodoxe, als auch katholische und lokale Glaubenstraditionen kannte. Sie sind das Produkt einer spezifisch bosnischen mittelalterlichen Identität, die sich keiner der großen Mächte vollständig unterordnete.

Die UNESCO-Anerkennung 2016: Ein überfälliges Signal

Am 15. Juli 2016 wurden die Stećci-Nekropolen offiziell in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen — unter dem Titel Stećci Medieval Tombstone Graveyards. Das Besondere: Es handelt sich um ein transnationales Welterbe, das sich über vier Länder erstreckt — Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Serbien und Montenegro. Insgesamt umfasst die Nominierung 28 ausgewählte Nekropolen mit rund 4.000 Grabsteinen, die als repräsentativ für das Gesamtphänomen gelten.

Für Bosnien und Herzegowina war diese Anerkennung mehr als eine touristische Auszeichnung. Sie war ein kulturpolitisches Statement: Dieses Land hat eine eigenständige mittelalterliche Zivilisation hervorgebracht, die weder dem byzantinischen noch dem westeuropäischen Kulturraum vollständig zugeordnet werden kann. In einem Land, das nach dem Krieg von 1992–95 noch immer mit Identitätsfragen ringt, ist das keine Kleinigkeit.

Ich habe damals in Sarajevo die Reaktionen erlebt. Es war Erleichterung, aber auch eine Art stilles Aufatmen: Endlich sieht es jemand.

Ikonographie: Was die Steine erzählen

Die Reliefs auf den Stećci sind ein eigenes Bildprogramm — und als Kunsthistorikerin könnte ich stundenlang darüber sprechen. Die häufigsten Motive lassen sich in drei Kategorien einteilen:

  • Kosmische Symbole: Sonnen, Halbmonde, Spiralen, Rosettenformen — Zeichen, die auf ein zyklisches Weltbild hinweisen und möglicherweise vorislamische oder vorchristliche Schichten des Volksglaubens widerspiegeln.
  • Figurative Szenen: Jagddarstellungen, Turnierkämpfe, Reigentänze (kolo), bewaffnete Reiter. Diese Szenen zeigen das Leben der bosnischen Feudalelite des 14. und 15. Jahrhunderts — ihre Rituale, Freuden, ihren Status.
  • Epigraphische Inschriften: Auf etwa 10 % der Steine finden sich Inschriften in der bosančica, einer lokalen Variante der kyrillischen Schrift. Sie nennen Namen, Titel, manchmal kurze Lebensweisheiten. Die berühmteste lautet sinngemäß: Hier liege ich auf meinem eigenen Land. Ein Satz, der mehr über bosnische Mentalität verrät als manches Geschichtsbuch.

Die Nekropole von Radimlja nahe Stolac (Herzegowina) gilt als eine der eindrucksvollsten: Über 130 Grabsteine, viele mit figürlichen Darstellungen, darunter der berühmte Stein mit der erhobenen rechten Hand — ein Motiv, das bis heute nicht eindeutig gedeutet ist. Schwur? Segen? Abschied?

Die wichtigsten Standorte — wo du Stećci wirklich erleben kannst

Nicht jede Nekropole ist gleich zugänglich oder gleich beeindruckend. Nach vielen Jahren, in denen ich Freunde, Kollegen und Journalisten zu diesen Orten begleitet habe, empfehle ich folgende Standorte:

Radimlja bei Stolac

Die bekannteste und am besten erschlossene Nekropole in BiH. Etwa 133 Steine, davon viele mit reichen Reliefs. Lage: 3 km westlich von Stolac an der Straße nach Čapljina. Eintritt: kostenlos, kein Parkplatz ausgeschildert, aber Platz am Straßenrand vorhanden. Beste Besuchszeit: früher Morgen oder später Nachmittag — das Streiflicht bringt die Reliefs erst richtig zur Geltung.

Boljuni bei Stolac

Weniger bekannt als Radimlja, aber für mich persönlich berührender. Die Steine stehen dichter beieinander, das Gras wächst zwischen ihnen — es wirkt weniger wie ein Museum und mehr wie ein Ort, der noch atmet. Keine touristische Infrastruktur, was ich als Vorzug betrachte.

Mramorje bei Visoko

Wer von Sarajevo aus tagest, kommt hier schnell hin. Visoko ist ohnehin ein lohnenswertes Ziel (die mittelalterliche Königsstadt Visoki liegt direkt daneben). Die Stećci-Nekropole am Ortsrand ist gut erhalten und selten überlaufen.

Dugo Polje auf der Blidinje-Hochebene

Für mich die atmosphärisch stärkste Nekropole des Landes — auch wenn sie am schwersten zu erreichen ist. Die Blidinje-Hochebene liegt auf etwa 1.200 Metern Seehöhe, umgeben von den Massiven Čvrsnica und Vran. Die Steine stehen hier in einer Karstlandschaft, die sich im Herbst ockergelb und violett färbt. Wer Glück hat, sieht Wildpferde in der Ferne. Keine Infrastruktur, keine Schilder, keine anderen Touristen — dafür das Gefühl, etwas Echtes gefunden zu haben.

„Wer die Stećci nur aus dem Geschichtsbuch kennt, kennt sie nicht. Man muss in der Abendsonne vor ihnen stehen und verstehen, dass hier Menschen lagen, die eine eigene Sprache, ein eigenes Bild von der Welt hatten — und dass diese Welt verschwunden ist, ohne dass wir sie je ganz verstehen werden."

— Mein Gedanke nach einem Besuch in Dugo Polje, September 2019

Stećci und die Bogomilen-These: Was die Forschung wirklich sagt

Ich muss hier eine verbreitete Fehlinformation korrigieren, die ich in Reiseführern, auf Infotafeln und sogar in manchen Museen noch immer antreffe: Stećci sind keine bogomilischen Grabsteine.

Die Gleichsetzung von Stećci mit den Bogomilen — einer dualistischen Sekte, die im mittelalterlichen Balkan verbreitet war — ist eine romantische Konstruktion des 19. Jahrhunderts, maßgeblich geprägt durch den bosnischen Historiker Ćiro Truhelka. Sie entsprach dem nationalistischen Bedürfnis, eine eigenständige bosnische Identität zu konstruieren, die weder serbisch-orthodox noch kroatisch-katholisch war.

Die moderne Forschung — insbesondere die Arbeiten von Marian Wenzel, deren monumentale Studie Ukrasni motivi na stećcima (1965) bis heute das Standardwerk zur Stećci-Ikonographie ist — zeigt: Die Grabsteine wurden von Angehörigen aller drei Konfessionen errichtet. Die Crkva bosanska, die bosnische Kirche des Mittelalters, war keine bogomilische Häresie, sondern eine lokale Variante des Christentums mit starken monastischen Traditionen. Die Stećci sind das Produkt einer pluralen, synkretistischen Gesellschaft — was sie eigentlich noch interessanter macht als die Bogomilen-Legende.

Praktische Infos für deinen Besuch

Standort Region Entfernung ab Sarajevo Eintritt Besonderheit
Radimlja Herzegowina (bei Stolac) ca. 130 km kostenlos Größte zugängliche Nekropole, 133 Steine
Boljuni Herzegowina (bei Stolac) ca. 125 km kostenlos Wenig besucht, sehr authentisch
Mramorje Visoko Zentralbosnien ca. 30 km kostenlos Kombination mit mittelalterlicher Königsstadt möglich
Dugo Polje / Blidinje Westliche Herzegowina ca. 160 km kostenlos Spektakuläre Hochebene, 4x4 empfohlen
Lukomir-Hochplateau Bjelašnica (bei Sarajevo) ca. 35 km kostenlos Kombination mit ältestem Bergdorf BiH

Wichtige Hinweise:

  • Viele Nekropolen liegen abseits befestigter Straßen — ein Allradfahrzeug oder zumindest ein Fahrzeug mit guter Bodenfreiheit ist für abgelegene Standorte empfehlenswert.
  • Verlasse niemals markierte Wege in ländlichen Gebieten. BiH hat noch immer verseuchte Minenfelder aus dem Krieg 1992–95, besonders in abgelegenen Regionen. Die Karten des Bosnisch-Herzegowinischen Mine Action Centre (BHMAC) solltest du vor Wanderungen in unbekanntem Gelände konsultieren.
  • Fotografieren ist an allen Standorten erlaubt und ausdrücklich erwünscht — diese Orte brauchen Aufmerksamkeit.
  • Die Steine sind empfindlich. Nicht besteigen, nicht berühren, nicht reinigen. Was Jahrhunderten standgehalten hat, kann durch unachtsamen Tourismus in Jahrzehnten beschädigt werden.

Stećci im kulturellen Gedächtnis Bosniens

In Sarajevo begegnet man den Stećci nicht nur auf Hochplateaus. Das Zemaljski muzej — das Nationalmuseum Bosnien und Herzegowinas, gegründet 1888 — beherbergt eine der bedeutendsten Sammlungen von Stećci-Abgüssen und Originalsteinen, darunter auch die berühmten Steine aus Radimlja. Der Lapidarium des Museums ist ein Muss für alle, die das Thema vertiefen wollen. Öffnungszeiten: Di–Fr 10–17 Uhr, Sa 10–14 Uhr; Eintritt ca. 5 KM (ca. 2,50 €).

Die Stećci haben auch die zeitgenössische bosnische Kunst geprägt. Der Künstler Jusuf Hadžifejzović hat sich in seinen Installationen wiederholt auf ihre Formensprache bezogen. Und wer durch die Galerien Sarajevos geht — etwa die Galerija Collegium Artisticum in der Terezija — findet immer wieder Werke, die mit dem Motiv des Steins, der Inschrift, der Stille arbeiten. Das Mittelalter ist hier kein abgeschlossenes Kapitel, sondern lebendiges Material.

FAQ — Häufige Fragen zu Stećci

Was bedeutet das Wort „Stećak"?

Der Begriff leitet sich vom südslawischen Verb stajati (stehen) ab und bedeutet sinngemäß „der Stehende" oder „das Stehende". Er ist die volkstümliche Bezeichnung für diese Grabdenkmäler; in wissenschaftlichen Texten findet sich auch der Begriff mramorje (Marmor-Ort), der regional für ganze Nekropolen verwendet wird.

Wie viele Stećci gibt es insgesamt?

Schätzungen gehen von rund 70.000 erhaltenen Stećci aus, verteilt auf über 3.300 Fundorte in Bosnien und Herzegowina sowie angrenzenden Gebieten Kroatiens, Serbiens und Montenegros. Der weitaus größte Teil befindet sich in BiH.

Wann wurden die Stećci als UNESCO-Welterbe anerkannt?

Die Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste erfolgte am 15. Juli 2016 auf der 40. Sitzung des Welterbekomitees in Istanbul. Es handelt sich um ein transnationales Welterbe, das vier Länder umfasst.

Sind Stećci wirklich bogomilische Grabsteine?

Nein. Diese These ist in der modernen Forschung weitgehend widerlegt. Stećci wurden von Angehörigen verschiedener Konfessionen errichtet und sind das Produkt einer spezifisch bosnischen mittelalterlichen Kultur — nicht einer einzelnen religiösen Bewegung.

Welche Nekropole ist für Erstbesucher am besten geeignet?

Radimlja bei Stolac ist der zugänglichste und am besten erhaltene Standort. Er liegt direkt an einer asphaltierten Straße, ist kostenlos zugänglich und bietet die größte Dichte an dekorierten Steinen. Wer Radimlja mit Stolac und einem Abstecher nach Blagaj kombiniert, hat einen der schönsten Kulturausflüge in der gesamten Herzegowina.

Kann ich Stećci auch in Sarajevo besichtigen?

Ja — das Nationalmuseum (Zemaljski muzej) in Sarajevo zeigt im Lapidarium originale Stećci sowie Abgüsse mit Erläuterungen. Adresse: Zmaja od Bosne 3, Sarajevo. Außerdem befinden sich kleinere Nekropolen in der unmittelbaren Umgebung der Stadt, etwa auf dem Plateau oberhalb von Lukomir (ca. 35 km).

Mein Fazit — nach einem Leben mit diesen Steinen

Ich bin seit meiner Kindheit mit Stećci aufgewachsen — nicht metaphorisch, sondern buchstäblich. Meine Großmutter stammte aus der Gegend um Konjic, und ich erinnere mich an Sonntagsausflüge, bei denen wir an Nekropolen vorbeifuhren, ohne anzuhalten. Sie waren einfach da, Teil der Landschaft, wie Felsen oder Bäume.

Erst das Studium hat mir gegeben, was ich brauchte, um wirklich hinzusehen. Und seitdem — nach Dutzenden von Besuchen, nach der Kuratorenarbeit 2022 in Berlin, wo ich bosnische Künstler vorstellte, die sich auf die Stećci-Tradition beziehen — bin ich überzeugt: Diese Steine sind das bosnischste, was es gibt. Nicht im nationalistischen Sinne, sondern im tiefsten kulturellen Sinne. Sie stehen für eine Gesellschaft, die zwischen Ost und West, zwischen Orthodoxie und Katholizismus, zwischen Sesshaftigkeit und Wandel lebte — und die sich trotzdem eine eigene Bildsprache schuf.

Wer nach Bosnien reist und die Stećci auslässt, hat etwas Wesentliches verpasst. Nicht weil sie auf einer UNESCO-Liste stehen. Sondern weil sie einem etwas erzählen, das kein Reiseführer und kein Museum vollständig erklären kann: wie es sich anfühlt, auf eigenem Land zu liegen.

💶 1 EUR ≈ 1,96 BAM
🗣️ Bosnisch, Kroatisch, Serbisch
MEZ/MESZ (wie Deutschland)
🛂 Kein Visum für EU-Bürger (bis 90 Tage)
🆘 122 Polizei · 123 Feuerwehr · 124 Rettung
Eintrag beanspruchen
Bist du der Inhaber dieses Eintrags? Sende uns deine Daten — wir verifizieren und schalten dir kostenlosen Marketing-Zugang frei.
📍 POI
📎 Datei auswählen oder hier ablegen JPG, PNG, PDF · max. 5 MB
Mit dem Absenden stimmst du unserer Datenschutzerklärung zu.
Wir prüfen deine Anfrage in der Regel innerhalb von 1–2 Werktagen.