Stećci — 70.000 mittelalterliche Grabsteine
Das rätselhafte Erbe des mittelalterlichen Bosnien auf UNESCO-Welterbeliste
Autor: Matthias Köhler
Was sind Stećci? Eine Definition, die mehr Fragen aufwirft als beantwortet
Der Begriff Stećci (Singular: stećak) bezeichnet monolithische mittelalterliche Grabsteine, die zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert im Gebiet des heutigen Bosnien-Herzegowina, Teilen Kroatiens, Serbiens und Montenegros aufgestellt wurden. Mehr als 70.000 Exemplare sind bis heute erhalten — eine der dichtesten Konzentrationen mittelalterlicher Sepulkralkultur in ganz Europa. Seit 2016 stehen 28 ausgewählte Nekropolen auf der UNESCO-Welterbeliste.
Was diese Steine so faszinierend — und wissenschaftlich so herausfordernd — macht: Wir wissen bis heute nicht mit Sicherheit, wer sie errichtet hat. Die gängigste Deutung verbindet sie mit der bosnischen Kirche, einer eigenständigen mittelalterlichen Christengemeinde, die weder Rom noch Konstantinopel gehorchte. Andere Forscher sehen in den Stećci einfach die Grabkultur der bosnischen Adelsschicht des Mittelalters, konfessionsübergreifend. Ich habe mich seit meiner Dissertation mit dieser Frage beschäftigt — und bin zu dem Schluss gekommen: Die Offenheit dieser Frage ist selbst Teil der Botschaft.
Die Reliefs — eine Bildsprache ohne eindeutigen Schlüssel
Was die Stećci von anderen mittelalterlichen Grabsteinen Europas unterscheidet, sind ihre Reliefs. Auf Hunderten von Steinen finden sich Darstellungen, die bis heute Historiker, Theologen und Kunsthistoriker beschäftigen:
- Die erhobene rechte Hand — das häufigste Motiv. Eine Geste des Schwurs? Des Abschieds? Der Überlieferung nach ein Zeichen der Stärke oder Würde des Verstorbenen.
- Jagdszenen und Reiter — Hinweise auf den Adelsstand des Bestatteten, auf höfische Kultur und weltliche Freuden.
- Tanzende Figuren — sogenannte kolo-Tänzer, im Kreisreigen, die an das Leben und Feste erinnern.
- Spiralen, Rosetten und geometrische Muster — kosmologische Symbole? Schutzzeichen? Die Deutungen divergieren.
- Schwerter, Bögen und Schilde — Kriegersymbolik, die auf die kriegerischen Auseinandersetzungen des mittelalterlichen Bosnien verweist.
- Mond, Sonne und Sterne — astronomische oder religiöse Symbole, deren Bedeutung im Dunkel liegt.
Als ich 2009 zum ersten Mal die Nekropole von Radimlja bei Stolac besuchte — damals noch für meine Dissertation, im Oktober, in einem leichten Nieselregen —, stand ich vor einem Stein mit einer großformatigen erhobenen Hand und spürte etwas, das ich nur als epistemische Demut beschreiben kann. Hier war eine Botschaft. Aber der Empfänger war nicht ich, sondern jemand aus dem 14. Jahrhundert, der den Code kannte.
Radimlja bei Stolac — die schönste Nekropole des Landes
Wer nur eine einzige Stećci-Stätte besuchen kann, sollte Radimlja wählen. Die Nekropole liegt drei Kilometer westlich von Stolac, direkt an der Straße, und umfasst 133 Grabsteine — darunter einige der künstlerisch elaboriertesten Exemplare überhaupt. Sie gehört zu den 28 UNESCO-Stätten von 2016.
Die Steine hier sind mehrheitlich aus dem 15. Jahrhundert, gehören zur Familie der Miloradović-Hrabren und tragen Inschriften in bosančica, der mittelalterlichen bosnischen Kursivschrift. Einige Steine erreichen eine Höhe von fast zwei Metern — echte Monumente. Die Reliefs zeigen Jagdszenen, Reiter, Schwertkämpfer und immer wieder: die erhobene Hand.
„Hier liegt Bogavac Milošević, der gute Bosniak. Wer seinen Stein beschädigt, dem werde Gott kein Gutes tun." — Inschrift an einem Stećak in Radimlja, 15. Jh.
Diese Inschriften sind keine Klage. Sie sind Selbstbehauptung. Der Verstorbene spricht noch — und droht. Das hat mich bei jedem Besuch neu beeindruckt.
Praktische Informationen zu Radimlja
- Lage: Etwa 3 km westlich von Stolac, direkt an der Straße M6.17, GPS: ca. 43.083° N, 17.946° E
- Eintritt: Frei zugänglich (Stand 2026, vor Reise prüfen)
- Öffnungszeiten: Ganztägig, kein Wächter; Informationstafeln vorhanden
- Anreise: 45 Minuten ab Mostar per Auto; Stolac selbst ist einen Besuch wert (Sultan-Selim-Moschee von 1519, Festung Vidoški)
- Hinweis: Nicht auf die Steine setzen oder steigen — kulturell und rechtlich sensibel; UNESCO-Status
Dugo Polje im Naturpark Blidinje — Stećci auf 1.200 Metern
Wer die Kombination aus Naturerlebnis und Kulturgeschichte sucht, fährt ins Naturpark Blidinje. Auf der Hochebene von Dugo Polje, auf über 1.200 Metern Höhe, liegt eine der eindrucksvollsten Nekropolen des Landes: rund 150 Stećci, verstreut auf einer weiten Karstwiese, umgeben von den Gipfeln des Čvrsnica-Massivs.
Ich war dort zuletzt im September 2023, in der Abenddämmerung, als das Licht schräg über die Steine fiel und die Reliefs plastisch hervortraten. Kein anderer Mensch weit und breit. Nur Schafe, Wind und 150 Grabsteine aus dem Mittelalter. Das ist ein Erlebnis, das sich mit keiner Stadtbesichtigung vergleichen lässt.
Dugo Polje gehört ebenfalls zu den UNESCO-Welterbestätten von 2016. Die Anreise erfordert ein geländegängiges Fahrzeug oder zumindest ein Auto mit guter Bodenfreiheit — die Schotterstraßen im Blidinje-Park sind nicht für jeden PKW geeignet. Winterreifen und Schneeketten sind von November bis April Pflicht.
Die bosnische Kirche — das große Rätsel hinter den Steinen
Keine Diskussion über Stećci kommt an der Crkva bosanska, der bosnischen Kirche, vorbei. Diese mittelalterliche Religionsgemeinschaft existierte vom 12. bis ins 15. Jahrhundert und entzieht sich bis heute einer eindeutigen konfessionellen Einordnung. Waren ihre Anhänger Bogumilen — eine dualistische Häresie aus dem Balkan? Waren sie einfach eine autochthone Variante des Christentums, weder Rom noch Konstantinopel verpflichtet?
Die Forschungslage ist komplex. Mein Kollege Dženan Dautović von der Universität Sarajevo, mit dem ich 2018 eine Feldreise zu mehreren Nekropolen unternahm, formulierte es so: „Die bosnische Kirche war vielleicht das Einzige in der Geschichte Bosniens, das sich wirklich niemand einverleiben konnte." Eine treffende Beobachtung. Weder die Osmanen noch die späteren Konfessionen haben eine eindeutige Linie zu diesen Steinen beansprucht — was sie in gewisser Weise zu einem gemeinsamen Erbe aller Bosnier macht.
Die osmanische Eroberung 1463 beendete die bosnische Kirche. Viele ihrer Mitglieder konvertierten zum Islam — was erklärt, warum manche Historiker eine Kontinuität zwischen der bosnischen Kirchentradition und dem späteren bosnischen Islam sehen. Eine These, die politisch brisant ist und die ich in meinem Buch Bosnien — Eine Kulturgeschichte (Reclam, 2022) ausführlich diskutiere.
Weitere bedeutende Stećci-Stätten in Bosnien-Herzegowina
Neben Radimlja und Dugo Polje gibt es eine Reihe weiterer Nekropolen, die einen Besuch lohnen:
- Mramorje bei Visoko — nahe der umstrittenen „Bosnischen Pyramiden", leicht erreichbar ab Sarajevo (ca. 30 km)
- Nekropole Boljuni bei Stolac — ebenfalls UNESCO-gelistet, weniger besucht als Radimlja
- Nekropole Grčko Groblje bei Kalinovik — beeindruckende Lage in Ostbosnien, für Kenner
- Stećci in Lukomir — das abgelegenste Bergdorf Bosniens auf 1.495 m hat direkt am Dorfrand eine kleine Nekropole; Kombination mit dem Besuch des Dorfes absolut empfehlenswert
- Nekropole Polje Bijele bei Foča — wenig bekannt, aber qualitativ hochwertige Reliefs
Eine vollständige Karte aller UNESCO-Stećci-Stätten findet sich auf der offiziellen Website des bosnischen Kulturministeriums sowie bei der UNESCO World Heritage Convention.
Was die Inschriften wirklich sagen — Sprache der Toten
Etwa 10 Prozent aller Stećci tragen Inschriften — eine für das mittelalterliche Europa bemerkenswert hohe Alphabetisierungsrate. Die Texte sind in bosančica verfasst, einer Variante der kyrillischen Schrift, die im mittelalterlichen Bosnien verbreitet war. Gelegentlich finden sich auch lateinische Texte.
Die Inschriften folgen einem erkennbaren Muster: Name des Verstorbenen, oft Herkunft oder Amt, manchmal eine Warnung an Grabschänder, selten ein Gebet. Was auffällt: Es gibt kaum explizit christliche Formeln. Kein „Ruhe in Frieden", kein Kreuzzeichen in den Texten. Die Toten sprechen in einer seltsam säkularen Sprache — als wären sie mehr Krieger und Adlige als Gläubige.
Eine Inschrift aus Radimlja hat mich besonders beschäftigt: „Hier liegt Milutin Bogavčić. Ich war, was du bist. Du wirst sein, was ich bin." Diese Formulierung — ein mittelalterliches memento mori — findet sich in ähnlicher Form auf Grabsteinen von Irland bis Anatolien. Sie verbindet den bosnischen Mittelalter-Adel mit einer gesamteuropäischen Tradition des Totengedenkens.
Stećci heute — zwischen UNESCO-Schutz und Vergessenheit
Die UNESCO-Listung von 2016 war ein wichtiger Schritt. Aber die Realität vor Ort ist komplizierter. Viele der über 70.000 Steine sind nicht geschützt, nicht inventarisiert, nicht zugänglich. Manche liegen auf Privatgrundstücken, andere sind von Vegetation überwuchert, einige wurden in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg als Baumaterial verwendet — eine kulturelle Tragödie, die bis heute nachwirkt.
Der Krieg von 1992 bis 1995 hat die Situation noch verschärft. In einigen Regionen wurden Stećci-Nekropolen gezielt beschädigt — als Teil der systematischen Zerstörung kulturellen Erbes, die alle drei Kriegsparteien in unterschiedlichem Ausmaß betrieben. Die Nekropole von Radimlja blieb weitgehend verschont, andere hatten weniger Glück.
Was ich bei meinen Besuchen immer wieder bemerke: Die lokale Bevölkerung hat ein ambivalentes Verhältnis zu diesen Steinen. Manche sehen sie als nationales Erbe, andere als Hindernis für landwirtschaftliche Nutzung. Nur langsam wächst das Bewusstsein, dass diese 70.000 Steine ein einzigartiges Weltkulturerbe sind — und eine Einnahmequelle für sanften Kulturtourismus sein könnten.
Mein Fazit nach 18 Reisen und zwei Jahrzehnten Forschung
Ich habe Stećci in Regen und Sonnenschein gesehen, im Sommer und im Schnee, allein und mit Studierenden. Jedes Mal überraschen sie mich neu. Nicht wegen ihrer Schönheit — obwohl viele Reliefs von hoher künstlerischer Qualität sind —, sondern wegen ihrer Stille. Diese Steine schweigen beredter als die meisten Denkmäler.
Was sie uns sagen, wenn wir genau hinhören: Dass das mittelalterliche Bosnien eine eigenständige Kultur war, die sich weder dem lateinischen Westen noch dem byzantinischen Osten vollständig unterordnete. Dass hier Menschen lebten, die ihre Toten mit Würde und künstlerischem Anspruch bestatteten. Und dass diese Kultur — trotz osmanischer Eroberung, trotz Krieg, trotz Vergessenheit — in Stein gehauen überlebt hat.
Wer nach Bosnien reist und nur Sarajevo und Mostar sieht, verpasst diese Schicht. Fahrt nach Radimlja. Fahrt nach Dugo Polje. Nehmt euch Zeit. Lest die Inschriften — auch wenn ihr das Bosančica nicht entziffern könnt, spürt ihr den Atem der Geschichte.
Dr. Matthias Köhler ist Balkanologe und Autor von „Bosnien — Eine Kulturgeschichte" (Reclam, 2022). Er hat Stećci-Nekropolen in ganz BiH besucht und ihre Erforschung als einen der faszinierendsten Aspekte seiner wissenschaftlichen Arbeit bezeichnet.