Sevdah — vom osmanischen Hof zu Damir Imamović
Die Seele Bosniens in Tönen: Geschichte, Bedeutung und Gegenwart der Sevdah-Musik
Autor: Selma Jusufović
Was ist Sevdah? Eine Musik zwischen Schmerz und Sehnsucht
Das Wort Sevdah kommt aus dem Arabischen — sawdā, schwarze Galle, jener Körpersaft, dem die antike Humoralpathologie Melancholie und tiefes Empfinden zuschrieb. Über das Osmanische gelangte es nach Bosnien, wo es sich in etwas Eigenständiges verwandelte: eine Musik, die nicht jammert, sondern fühlt. Sevdah ist das Gegenteil von Kitsch. Es ist radikale emotionale Ehrlichkeit.
Ich bin in Sarajevo aufgewachsen. Sevdah war immer da — aus dem Radio meiner Großmutter, aus den geöffneten Fenstern in der Baščaršija an Sommerabenden, aus den Kassettenrekordern meiner Eltern. Lange habe ich es als selbstverständlich hingenommen. Erst als ich 2009 für die FAZ einen Text über bosnische Populärkultur schreiben sollte, begann ich wirklich zuzuhören. Und seitdem höre ich nicht mehr auf.
Sevdah ist eine vokale Musikform, die sich durch langgezogene, ornamentierte Melodielinien auszeichnet, durch Mikrotöne, die im westeuropäischen Tonsystem nicht existieren, und durch Texte, die fast ausschließlich von Liebe handeln — unerfüllter, verlorener, unmöglicher Liebe. Die Begleitung ist traditionell sparsam: Saz, Šargija (eine langhalsige Laute), später Akkordeon und Kontrabass.
Die osmanischen Wurzeln: Musik der Begs und Agas
Sevdah entstand nicht auf der Straße. Es entstand in den Konaks — den Herrenhäusern der bosnischen Muslime, der Begs und Agas, die nach der osmanischen Eroberung im 15. Jahrhundert zum Islam konvertierten und eine eigene Aristokratie bildeten. Diese Klasse pflegte eine verfeinerte Hofkultur, die orientalische und südslawische Elemente verband.
Die frühesten dokumentierten Sevdalinke — so heißen die einzelnen Lieder — stammen aus dem 16. Jahrhundert. Sie wurden mündlich überliefert, von Sängerinnen und Sängern in privaten Gemächern vorgetragen, nie für die Öffentlichkeit bestimmt. Das erklärt einen wesentlichen Zug dieser Musik: ihre Intimität. Sevdah ist keine Bühnenmusik. Es ist Musik für den Moment, in dem man wirklich allein ist — oder wirklich zu zweit.
Die osmanische Musiktheorie prägte die Makam-Skalen, die man in vielen Sevdalinke noch heute hört. Gleichzeitig flossen südslawische Melodieformen ein, die Sprache blieb Bosnisch, die Themen wurden lokaler: die Gassen von Sarajevo, der Fluss Miljacka, die Kaffeehäuser der Baščaršija. So entstand etwas, das weder rein osmanisch noch rein slawisch war — sondern genuin bosnisch.
„Sevdah je naša duša" — Sevdah ist unsere Seele. Diesen Satz habe ich von meiner Großmutter gehört, von Musikwissenschaftlern, von Taxifahrern. Er ist ein Klischee. Aber manche Klischees sind wahr.
Das 19. und 20. Jahrhundert: Vom Konak in die Kafana
Mit dem Niedergang der osmanischen Herrschaft und der habsburgischen Übernahme Bosniens 1878 veränderte sich auch der Ort des Sevdah. Die Konaks öffneten sich, die Musik wanderte in die Kafane — jene bosnischen Wirtshäuser, die mehr Salon als Kneipe waren. Hier wurde Sevdah erstmals zu einer halbpubliken Angelegenheit.
Die Kafana-Kultur des 19. Jahrhunderts brachte auch die erste Generation professioneller Sevdah-Interpreten hervor. Sängerinnen wie Sofka Nikolić oder später Zaim Imamović — der Großvater von Damir — wurden zu Legenden. Zaim Imamović (1921–1997) gilt als einer der bedeutendsten Sevdah-Interpreten des 20. Jahrhunderts. Seine Stimme, aufgenommen in den Radiostudios des sozialistischen Jugoslawiens, ist das Maß, an dem alle späteren Sänger gemessen werden.
Das sozialistische Jugoslawien hatte ein ambivalentes Verhältnis zu Sevdah. Einerseits förderte man die Volksmusik als Teil der nationalen Kulturpolitik — Radio Sarajevo sendete täglich Sevdalinke, das Phonogrammarchiv sammelte Aufnahmen. Andererseits galt die Musik manchen Parteikadern als rückwärtsgewandt, als zu sehr mit der osmanisch-muslimischen Vergangenheit verbunden. Man tolerierte Sevdah, aber man feierte ihn nicht als Staatssymbol.
In den 1970er und 1980er Jahren erlebte Sevdah eine merkwürdige Popularisierung: Goran Bregović und seine Rockband Bijelo Dugme integrierten Sevdah-Melodien in elektrifizierten Rock — und machten damit eine ganze Generation junger Jugoslawen mit der Tradition vertraut, die sie bis dahin als Musik der Alten abgetan hatten. Bregović ist bis heute eine gespaltene Figur in der bosnischen Musikdiskussion: Genialer Vermittler oder kommerzieller Ausbeuter? Ich tendiere zu Ersterem, aber ich verstehe die Kritik.
Der Krieg und das Schweigen — Sevdah in den 1990er Jahren
Über das, was der Krieg von 1992 bis 1995 mit der Kulturlandschaft Sarajevos gemacht hat, lässt sich nicht in zwei Sätzen schreiben. Ich war ein Kind während der Belagerung. Meine Familie lebte in Sarajevo. Was ich über diese Zeit weiß, weiß ich aus Gesprächen, aus Archiven, aus dem, was meine Eltern mir erzählt haben — und aus dem, was sie nicht erzählen.
Sevdah überlebte den Krieg auf eine Art, die ich nur als unterirdisch beschreiben kann. In Kellern, bei Kerzenlicht, ohne Strom. Die Lieder von Liebe und Verlust bekamen eine neue, schreckliche Aktualität. Nach dem Krieg gab es eine Phase der kulturellen Erschöpfung — und dann, langsam, eine Rückbesinnung. Sevdah wurde wieder gehört, jetzt mit einem anderen Bewusstsein: als Zeugnis von Kontinuität, als Beweis, dass etwas überlebt hatte.
Damir Imamović — der Enkel und die Erneuerung
Wenn ich einen Namen nennen müsste, der Sevdah im 21. Jahrhundert definiert, wäre es Damir Imamović. Der Enkel von Zaim Imamović ist kein nostalgischer Bewahrer. Er ist ein Künstler, der die Tradition radikal ernst nimmt — und sie deshalb neu denkt.
Damir Imamović wurde 1978 in Sarajevo geboren. Er hat Musik studiert, sich tief in die Archivaufnahmen seines Großvaters vergraben, aber auch Jazz gehört, zeitgenössische Komposition, Weltmusik. Sein Ansatz ist ethnomusikolisch informiert und gleichzeitig künstlerisch frei. Er spielt mit seiner Band Damir Imamović Trio auf internationalen Bühnen — von der Elbphilharmonie Hamburg bis zu Festivals in Japan.
Was ihn von Epigonen unterscheidet: Er verändert die Lieder, aber er verletzt sie nicht. Er versteht, dass Sevdah lebendige Musik ist, keine museale Konserve. In einem Gespräch, das ich 2019 für das Sarajevo Times Kulturmagazin mit ihm führte, sagte er etwas, das mich seitdem begleitet: „Sevdah ist keine Vergangenheit. Sevdah ist eine Haltung."
Sein Album „Sevdah" (2015) und das spätere „Singer of Tales" (2019) gelten international als Referenzpunkte für zeitgenössischen Sevdah. Die Kritik in der New York Times sprach von „einer der wichtigsten Stimmen der Weltmusik". In Sarajevo selbst ist er präsent, aber nicht überall — Sevdah-Konzerte finden in kleinen Clubs statt, im Jazz Fest im November, gelegentlich in der Vijećnica.
Wo man Sevdah in Sarajevo heute hören kann
Sevdah ist kein Tourismusprodukt. Das ist sein größtes Problem — und sein größtes Verdienst. Wer ihn sucht, muss suchen.
- Jazz Fest Sarajevo (November, 5 Tage): Hier taucht Sevdah regelmäßig auf — entweder als eigenständiges Programm oder in Crossover-Formaten. Damir Imamović ist ein häufiger Gast. Tickets kosten je nach Konzert zwischen 15 und 30 KM (ca. 8–15 €).
- Baščaršija Nights (Juli, ganzer Monat): Das Sommerfestival der Altstadt bietet Freiluftkonzerte, darunter immer wieder Sevdah-Abende auf dem Platz vor der Gazi-Husrev-Beg-Moschee. Eintritt oft frei.
- Caffe Bar Andar (Saraci 22, täglich 8–23 Uhr): Kein Konzertort, aber einer der wenigen Plätze, wo man noch bosnischen Kaffee trinkt und gelegentlich spontane Musik erlebt. Der Wirt Emir kennt jeden Sevdah-Musiker der Stadt.
- Vijećnica / Rathaus: Gelegentlich Konzerte im Rahmen von Kulturveranstaltungen — Programm vorab prüfen.
- Radio Sarajevo: Wer in der Stadt unterwegs ist, sollte Radio Sarajevo 1 einschalten. Sevdah läuft dort noch immer — zwischen Nachrichten und Werbung, aber er läuft.
Praktische Infos für Sevdah-Interessierte
| Was | Wo / Wann | Kosten (ca., Stand 2026) |
|---|---|---|
| Jazz Fest Sarajevo | November, verschiedene Spielstätten Sarajevo | 15–30 KM / Konzert (ca. 8–15 €) |
| Baščaršija Nights | Juli, Altstadt Sarajevo | meist kostenlos |
| Damir Imamović Konzerte | variabel, Ankündigung über Webseite/Social Media | 20–40 KM (ca. 10–20 €) |
| CD/Vinyl Sevdah-Klassiker | Musikläden Baščaršija, z.B. nahe Sebilj-Brunnen | 10–25 KM (ca. 5–13 €) |
Sevdah und bosnische Identität — eine unfertige Geschichte
Sevdah ist nicht neutral. Er ist mit der bosniakischen muslimischen Kultur verknüpft — entstanden in deren Herrenhäusern, gesungen in deren Sprache, geprägt von deren Geschichte. Das macht ihn für manche Serben und Kroaten in Bosnien zu einer fremden Musik, für andere zur gemeinsamen. Die Realität ist komplizierter: Sevdah wurde im sozialistischen Jugoslawien von allen Volksgruppen gehört, und er wird es heute noch.
Was Sevdah von anderen Volksmusiken unterscheidet, ist seine Fähigkeit, über seine eigene Herkunft hinauszuweisen. Er spricht von universellen Erfahrungen — Verlust, Sehnsucht, die Unmöglichkeit der Liebe — in einer Sprache, die spezifisch und lokal ist. Das ist das Paradox großer Kunst: Je genauer sie ist, desto weiter reicht sie.
Ich habe 2022 in Berlin eine Ausstellung zur zeitgenössischen bosnischen Kunst kuratiert. Im Begleitprogramm gab es einen Sevdah-Abend mit einem jungen Sänger aus Tuzla. Das Berliner Publikum — mehrheitlich ohne jeden Bezug zu Bosnien — saß still und aufmerksam. Hinterher fragte mich eine ältere Frau: „Was singt er? Ich verstehe kein Wort, aber ich muss weinen." Das ist Sevdah.
Mein Fazit nach einem Leben mit dieser Musik
Ich bin keine neutrale Beobachterin. Sevdah ist Teil meiner Kindheit, meiner Stadt, meiner Identität. Aber ich habe als Kulturjournalistin gelernt, auch das Vertraute kritisch zu betrachten. Und mein ehrliches Urteil ist: Sevdah ist eine der bedeutendsten Musikformen, die Europa im letzten halben Jahrtausend hervorgebracht hat — und sie ist außerhalb der Region noch immer dramatisch unterbewertet.
Das liegt zum Teil an der Sprachbarriere, zum Teil an der geopolitischen Randlage Bosniens, zum Teil daran, dass Sevdah sich nicht vermarkten lässt, ohne dabei etwas Wesentliches zu verlieren. Damir Imamović hat einen Weg gefunden, der diese Spannung aushält. Er ist kein Sonderfall — er ist ein Beweis, dass Sevdah lebt.
Wenn du nach Sarajevo kommst: Lass das Sevdah-Konzert nicht aus. Nicht das folkloristische Touristenprogramm in der Altstadt — das gibt es, und es ist nicht das, worüber ich schreibe. Suche nach dem echten. Es ist zu finden. Es braucht nur etwas Geduld — was, wenn man darüber nachdenkt, auch das Thema jedes Sevdah-Liedes ist.