Sevdah: Die Seele der bosnischen Volksmusik

Zwischen osmanischem Erbe, Herzschmerz und kultureller Identität — was Sevdah wirklich ist

Autor: Matthias Köhler

Was ist Sevdah? Eine Definition, die mehr ist als eine Definition

Das Wort sevdah kommt aus dem Arabischen — sawdā', Schwarzgalle — und gelangte über das Türkische ins Bosnische. Im osmanischen Medizinsystem der Humoralpathologie stand die schwarze Galle für Melancholie, Tiefe, unerfüllte Sehnsucht. Die Osmanen brachten das Wort mit, die Bosniaken machten daraus etwas Eigenes: eine Musikform, die Liebesschmerz, Lebensfreude und Vergänglichkeit in einem Atemzug ausdrückt.

Sevdah ist also gleichzeitig ein Gefühlszustand und eine Musikgattung. Wer auf Bosnisch sagt, er habe sevdah, meint nicht, dass er gerade ein Lied gehört hat. Er meint, dass ihn eine bestimmte Art von süßem Schmerz erfasst hat — Sehnsucht nach etwas, das man nicht benennen kann oder das unwiederbringlich verloren ist. Diese emotionale Doppeldeutigkeit macht Sevdah so schwer zu erklären und so leicht zu fühlen.

Als ich 2009 in Sarajevo meinen ersten längeren Forschungsaufenthalt hatte, saß ich eines Abends in einer kleinen Kafana nahe der Baščaršija. Eine Frau mittleren Alters sang, begleitet nur von einer šargija — einer langhalsigen Laute, die osmanischen Ursprungs ist. Kein Mikrofon, kein Bühnenlicht. Die anderen Gäste hörten auf zu reden. Einige schlossen die Augen. Ich verstand damals nur Bruchstücke des Textes, aber ich verstand sofort, was gemeint war.

Die historischen Wurzeln: Osmanisches Erbe und lokale Transformation

Sevdah entstand nicht im Vakuum. Sie ist das Produkt einer 400 Jahre währenden osmanischen Herrschaft über Bosnien (1463–1878) und der daraus resultierenden kulturellen Durchdringung — von Sprache, Architektur, Religion und eben Musik. Die melodischen Strukturen der frühen Sevdalinke, wie die einzelnen Lieder heißen, folgen makamalen Tonleitern aus der osmanischen Kunstmusik: ungleichstufige Skalen, die dem westeuropäischen Ohr zunächst fremd klingen, aber sofort emotional ansprechen.

Entscheidend ist jedoch, was die bosnische Bevölkerung aus diesen Einflüssen machte. Sevdah ist keine importierte türkische Musik. Sie ist eine genuine bosnische Schöpfung, die osmanische Melodiestrukturen mit slawischer Sprache, lokalen Lebensrealitäten und einer spezifisch bosnischen Sensibilität verband. Die Texte handeln von konkreten Orten — den Gassen Mostars, dem Miljacka-Ufer in Sarajevo, den Bergen über Travnik — und von universellen menschlichen Erfahrungen: verbotene Liebe, Abschied, Warten.

Besonders interessant aus historischer Perspektive: Sevdah war nie konfessionell gebunden. Muslimische, orthodoxe und katholische Bosniaken sangen dieselben Lieder. Das ist kulturhistorisch bemerkenswert in einer Region, die heute oft durch religiöse Grenzen definiert wird. Die Sevdalinka gehörte allen — sie war das gemeinsame emotionale Erbe, bevor die Nationalismen des 19. und 20. Jahrhunderts die Gesellschaft auseinandertrieben.

Musikalische Struktur: Was Sevdah klanglich ausmacht

Wer Sevdah verstehen will, muss ein paar musikalische Grundbegriffe kennen — nicht um akademisch zu werden, sondern um zu begreifen, warum diese Musik so wirkt, wie sie wirkt.

  • Makam-Skalen: Sevdalinke verwenden oft den Hijaz-Makam oder den Nikriz-Makam — Tonleitern mit charakteristischen übermäßigen Sekunden, die dem Gesang seine unverwechselbare Spannung verleihen.
  • Freies Metrum: Traditionelle Sevdalinke sind metrisch frei — der Sänger dehnt Silben, hält inne, atmet mitten in einer Phrase. Das ist keine Unpräzision, sondern Ausdruck. Man nennt das rubato.
  • Ornamentik: Melismatischer Gesang — eine Silbe über viele Töne — ist typisch. Diese Verzierungen sind nicht dekorativ, sie sind emotional.
  • Instrumente: Traditionell: šargija (Laute), saz (Langhalslaute), Akkordeon (ab dem 19. Jahrhundert), später Geige und Kontrabass. Das Akkordeon, obwohl europäischen Ursprungs, wurde so vollständig in die Sevdah integriert, dass es heute als ihr natürliches Instrument gilt.

Die klassische Sevdalinka ist ein Solo-Gesangsstück, keine Chormusik. Das ist bedeutsam: Es ist immer eine Stimme, die spricht — direkt, persönlich, ungeschützt. Diese Intimität ist strukturell verankert.

Die großen Stimmen: Von Safet Isović bis Damir Imamović

Jede Musikkultur hat ihre kanonischen Interpreten, und Sevdah ist da keine Ausnahme. Wer sich ernsthaft damit beschäftigen will, kommt an einigen Namen nicht vorbei.

Safet Isović (1936–2007) gilt vielen als der größte Sevdah-Sänger des 20. Jahrhunderts. Seine Interpretation von Moj dilbere oder Emina — letzteres nach einem Gedicht von Aleksa Šantić — ist schlicht maßstabsetzend. Isović sang mit einer Stimme, die gleichzeitig stark und verletzlich klang, und er verstand es, den emotionalen Kern eines Textes ohne jeden Kitsch zu treffen.

Himzo Polovina (1932–1981) war ein weiterer Titan — mit einem dunkleren, rauchigeren Timbre, das besonders bei den schwermütigeren Liedern wirkte. Sein früher Tod hat ihn zur Legende gemacht.

Auf der weiblichen Seite ist Zaim Imamović (1911–1974) — trotz des männlichen Namens eine der einflussreichsten Figuren überhaupt — zu nennen, sowie Beba Selimović, die Sevdah in die jugoslawische Populärmusik der 1970er Jahre trug.

Heute ist es vor allem Damir Imamović, Enkel von Zaim, der Sevdah in die Gegenwart trägt — ohne sie zu verbiegen. Er arbeitet mit Jazz-Musikern, mit Elektronik, mit Weltmusik-Kontexten, aber er verliert nie den emotionalen Kern. Sein Album Singer of Tales (2017) ist ein guter Einstieg für Hörer, die Sevdah neu entdecken wollen. Ich habe Imamović 2023 in Sarajevo live erlebt — in einem kleinen Kulturzentrum, vielleicht 80 Menschen im Raum. Es war einer dieser Abende, an die man sich noch in zwanzig Jahren erinnert.

Sevdah und Krieg: Wie Musik zur Überlebensstrategie wird

Man kann über Sevdah nicht schreiben, ohne über den Krieg von 1992 bis 1995 zu sprechen. Während der Belagerung Sarajevos — 1.425 Tage, die längste Belagerung einer europäischen Hauptstadt im 20. Jahrhundert — wurde Sevdah zu mehr als Musik. Sie wurde zur kulturellen Behauptung: Wir existieren noch. Wir erinnern uns. Wir singen.

In den Kellern der belagerten Stadt, ohne Strom, ohne Heizung, sangen Menschen Sevdalinke. Das klingt nach Pathos, ist aber dokumentiert und von Überlebenden vielfach bezeugt. Die Melancholie der Sevdah, die in Friedenszeiten manchmal als übertrieben erscheinen mag, bekam in dieser Zeit ihre volle historische Berechtigung.

Für mein Buch Sarajevo — Stadt der vier Religionen (C.H.Beck, 2019) habe ich mit mehreren Zeitzeugen gesprochen, die diese Jahre erlebt haben. Eine ältere Frau aus Grbavica erzählte mir, dass bestimmte Sevdalinke für sie untrennbar mit dem Geruch von Kerzen und dem Geräusch entfernten Beschusses verbunden sind. Musik als Gedächtnisträger — das ist keine Metapher, das ist Neurologie.

Wo du Sevdah heute noch live erleben kannst

Sevdah ist keine museale Angelegenheit. Sie lebt — wenn auch in unterschiedlichen Aggregatzuständen. Hier sind meine ehrlichen Empfehlungen, nach 18 Bosnien-Reisen:

Sarajevo: Die authentischsten Orte

  • Inat Kuća (Alifakovac, Sarajevo): Das legendäre Restaurant gegenüber dem Rathaus hat gelegentlich Live-Sevdah, vor allem an Wochenenden. Frag beim Eintreten nach — es gibt keinen festen Spielplan. Die Küche ist exzellent, das Ambiente osmanisch-authentisch.
  • Kafana Zlatna Ribica (Kaptol 5, Sarajevo): Eine der wenigen echten Kafane, die noch regelmäßig traditionelle Musik spielen. Klein, verqualmt, wunderbar. Nicht für Touristen gemacht — aber Touristen sind willkommen, wenn sie sich entsprechend verhalten.
  • Baščaršija Nights (Juli, Sarajevo): Das monatliche Kulturfestival im Juli hat regelmäßig Sevdah-Konzerte auf der Freilichtbühne. Eintritt oft frei oder sehr günstig.

Mostar und Herzegowina

In Mostar ist die Sevdah-Szene kleiner, aber vorhanden. Das Muslibegović Haus veranstaltet gelegentlich Kulturabende. Frag im Tourismusbüro am Stari Most nach aktuellen Veranstaltungen — die Auskunft ist kostenlos und die Mitarbeiter sind gut informiert.

Festivals mit Sevdah-Programm

  • Sarajevo Film Festival (August): Hat regelmäßig Konzertprogramme, bei denen Sevdah vertreten ist.
  • Jazz Fest Sarajevo (November): Klingt nach Jazz, aber die Grenzen zur Sevdah sind fließend — Damir Imamović tritt hier regelmäßig auf.

Praktische Informationen für Sevdah-Interessierte

Was Details
Beste Zeit für Live-Sevdah Juli (Baščaršija Nights) und November (Jazz Fest) in Sarajevo
Eintrittspreise Kafana Kein Eintritt; Konsumation ab ca. 3–8 € pro Person
Konzerttickets (Damir Imamović u.a.) 10–25 € je nach Venue
CD/Vinyl kaufen Baščaršija-Läden, Buchladen Buybook (Radićeva 4, Sarajevo)
Streaming-Einstieg Spotify: Playlist „Sevdalinke" oder Alben von Damir Imamović, Amira Medunjanin
Dokumentation „Sevdah" (2015, Regie: Miroslav Mandić) — auf YouTube verfügbar

Sevdah und Gender: Die starken Frauen der Tradition

Ein Aspekt, der in westlichen Darstellungen oft unterbelichtet bleibt: Sevdah war traditionell auch eine Frauendomäne — aber eine, die innerhalb strenger gesellschaftlicher Grenzen operierte. Die klassischen Sevdalinke wurden oft von Frauen in privaten Räumen gesungen, in Harems im weitesten Sinne, also in den Frauenbereichen osmanischer Stadthäuser. Das erklärt die Thematik vieler Texte: das Warten auf den Geliebten, der in den Krieg zieht; die Sehnsucht nach dem, der nicht zurückkommt; die Liebe, die nicht sein darf.

Heute sind es Sängerinnen wie Amira Medunjanin und Božo Vrećo — letzterer ein Mann, der in der Bühnenpräsenz bewusst Gendergrenzen überschreitet — die Sevdah in internationale Konzertsäle tragen. Medunjanin hat mit dem Kronos Quartet aufgenommen und tritt regelmäßig in Westeuropa auf. Ihr Album Zumra (2011) ist ein exzellenter Einstieg.

FAQ — Häufige Fragen zu Sevdah

Was bedeutet Sevdah auf Deutsch?

Sevdah bezeichnet sowohl einen Gefühlszustand — eine süße, melancholische Sehnsucht — als auch die bosnische Vokalmusiktradition, die dieses Gefühl ausdrückt. Das Wort stammt aus dem Arabischen (sawdā', Schwarzgalle) und gelangte über das Türkische ins Bosnische.

Ist Sevdah dasselbe wie Sevdalinka?

Sevdah ist der Oberbegriff — für das Gefühl und die Musikgattung. Eine Sevdalinka (Plural: Sevdalinke) ist ein einzelnes Lied dieser Tradition. Man könnte sagen: Sevdah ist der Blues, die Sevdalinka ist ein bestimmter Blues-Song.

Wo kann ich Sevdah in Sarajevo live hören?

Am zuverlässigsten in der Kafana Zlatna Ribica (Kaptol 5) und gelegentlich im Inat Kuća. Im Juli bieten die Baščaršija Nights regelmäßig Freiluftkonzerte. Frag im Hotel oder bei lokalen Guides nach aktuellen Veranstaltungen — das Programm wechselt.

Ist Sevdah nur bosnisch-muslimische Musik?

Nein. Sevdah gehörte historisch allen Bevölkerungsgruppen Bosniens — Muslimen, orthodoxen Serben und Katholiken. Sie ist ein gesamtbosnisches Kulturerbe, auch wenn sie heute oft mit der bosniakischen Identität assoziiert wird.

Welche Sevdah-Alben empfiehlst du als Einstieg?

Damir Imamović: Singer of Tales (2017) für einen modernen Zugang. Amira Medunjanin: Zumra (2011) für klassischere Interpretationen. Für historische Aufnahmen: die Kompilation Sevdalinka — The Soul of Bosnia, die Originalaufnahmen von Safet Isović und Himzo Polovina enthält.

Gibt es Sevdah auch auf Vinyl oder CD zu kaufen?

Ja. In der Baščaršija in Sarajevo gibt es mehrere Läden mit lokaler Musik. Der Buchladen Buybook (Radićeva 4) führt eine gute Auswahl. Preise liegen bei 10–20 KM (ca. 5–10 €) für CDs.

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Mein Fazit nach 18 Bosnien-Reisen und über zwei Jahrzehnten Beschäftigung mit dieser Kultur: Sevdah ist der Schlüssel zum Verständnis Bosniens auf eine Art, die keine Architektur und keine Geschichtsstunde ersetzen kann. Sie ist das emotionale Archiv eines Volkes — osmanische Melodielinien, slawische Sprache, mediterrane Leidenschaft, mitteleuropäische Melancholie. Wer Sevdah versteht, versteht, warum Bosnien so ist, wie es ist: vielschichtig, widersprüchlich, zutiefst menschlich. Hör dir vor deiner Reise mindestens drei Sevdalinke an. Und dann sitz in einer Kafana in Sarajevo und hör, wie sie klingen, wenn sie nicht aus dem Lautsprecher kommen, sondern aus einer Kehle, die weiß, wovon sie singt.

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