Selimović: Der Derwisch und der Tod
Ein literarisches Reisegespräch mit dem dunkelsten Buch Bosniens
Autor: Selma Jusufović
Ein Buch, das dich verfolgt — noch bevor du Bosnien betrittst
Ich habe „Der Derwisch und der Tod" zum ersten Mal mit siebzehn gelesen. Nicht weil meine Lehrerin es verlangte — sie verlangte es nicht —, sondern weil meine Mutter das Buch auf dem Nachttisch liegen hatte und ich neugierig war. Ich war nach dreißig Seiten verloren. Nicht im angenehmen Sinn. Verloren wie man sich in einer Gasse verliert, die plötzlich zu schmal wird, um umzukehren.
Mehmed Meša Selimović schrieb diesen Roman 1966. Er wurde in Sarajevo geboren, 1910, und starb 1982 in Belgrad. Dazwischen lag ein Leben, das er selbst als von Schuld und Verlust geprägt beschrieb — sein Bruder wurde 1945 von jugoslawischen Partisanen hingerichtet. Dieses Trauma ist in jede Zeile des Buches eingeschrieben, ohne dass es je direkt genannt wird. Das ist die Meisterschaft Selimovićs: Er schreibt über das Osmanische Reich des 17. Jahrhunderts und meint das 20. Jahrhundert. Er schreibt über einen Derwisch und meint jeden Menschen, der zwischen Schweigen und Aufschrei gefangen ist.
„Ich bin der Scheich Ahmed Nurudin, und ich schreibe, was ich nicht vergessen kann, obwohl ich vergessen möchte."
— Meša Selimović, Der Derwisch und der Tod (1966)
Wenn du dieses Buch liest und dann durch die Baščaršija gehst, durch die engen Gassen des osmanischen Sarajevo, dann spürst du etwas, das kein Reiseführer dir geben kann: das Gewicht von Geschichte als persönlicher Erfahrung.
Worum geht es — und warum ist es kein leichtes Buch
Der Roman erzählt die Geschichte von Ahmed Nurudin, einem Derwisch und Gelehrten in einer osmanischen Festungsstadt — die meisten Literaturwissenschaftler sehen darin Sarajevo oder eine osmanische Stadt Bosniens des 17. Jahrhunderts. Sein Bruder wird verhaftet und hingerichtet, ohne dass Ahmed den Grund erfährt. Um ihn zu retten, beginnt Ahmed, sich mit den Mächtigen einzulassen, kompromisse zu machen, seine Prinzipien zu verkaufen. Am Ende hat er zwar Macht — aber er hat sich selbst verloren.
Das klingt nach einem Lehrstück. Es ist keines. Es ist ein psychologischer Roman von erschreckender Modernität. Selimović schreibt im inneren Monolog, der Roman ist ein einziger langer Gedankenstrom eines Mannes, der sich selbst beim Zerfall zusieht. Auf Deutsch erschien das Buch erstmals 1973 im Suhrkamp Verlag, übersetzt von Katharina Wolf-Grießhaber. Die Übersetzung ist gut, aber wer Bosnisch oder Serbokroatisch kann: Im Original ist die Sprache von einer Dichte, die sich kaum übertragen lässt.
Das Buch ist keine leichte Lektüre. Es ist langsam, grübelnd, manchmal fast unerträglich in seiner Selbstbefragung. Ich habe Reisende getroffen, die es abgebrochen haben. Ich habe andere getroffen, die sagten, es habe ihr Bild von Bosnien — und von sich selbst — dauerhaft verändert. Zu welcher Gruppe du gehörst, erfährst du erst, wenn du anfängst.
Die Welt des Romans — und wo sie heute noch existiert
Selimović beschreibt eine Welt aus Tekijen (Derwischklöstern), Moscheen, Bazaren und Festungsmauern. Diese Welt ist nicht verschwunden. Sie ist in Bosnien noch greifbar, wenn auch in Fragmenten.
Die Tekija in Blagaj — der Ort, der den Roman verkörpert
Als ich das erste Mal vor der Tekija in Blagaj stand — das war 2003, ich war achtzehn, mit meiner Mutter auf einer Tagesfahrt von Mostar —, dachte ich sofort an Ahmed Nurudin. Das Derwischkloster aus dem 17. Jahrhundert steht direkt an der Buna-Quelle, einem der mächtigsten Karstquellsysteme Europas. Das Wasser kommt unter einer senkrechten Felswand hervor, kalt und grünblau und unglaublich still. Die Tekija selbst ist klein, weiß, mit Holzgalerien über dem Wasser. Innen riecht es nach altem Holz und Weihrauch.
Der Mevlevi-Orden, der diese Tekija betrieb, ist derselbe Sufi-Orden, dessen Welt Selimović beschreibt. Die Derwische des Romans sind keine Fantasie — sie waren eine reale spirituelle und gesellschaftliche Kraft im osmanischen Bosnien. Wer die Tekija in Blagaj besucht, betritt buchstäblich die Welt des Romans.
- Adresse: Blagaj, 88220, 12 km südöstlich von Mostar
- Eintritt Tekija: 5 KM (ca. 2,50 €)
- Öffnungszeiten: täglich 8:00–18:00 Uhr (Sommer bis 20:00)
- Tipp: Besuche die Tekija früh morgens oder spät nachmittags — in der Hauptsaison (Juli/August) sind tagsüber Busgruppen da, die die Stille zerstören
- GPS: 43.2569° N, 17.9069° E
Die Baščaršija — der Bazar als literarischer Raum
Der Bazar in Selimovićs Roman ist kein pittoresker Hintergrund. Er ist ein Ort der Macht, der Information, der Gerüchte und der Angst. Wer etwas wissen will, geht in den Bazar. Wer Angst hat, meidet ihn.
Die Baščaršija in Sarajevo, der osmanische Altstadtbazar, funktioniert heute natürlich anders — es gibt Touristenläden, Cafés, Kupferschmiede, die für Instagram-Fotos polieren. Aber wenn du früh morgens dort bist, gegen halb acht, bevor die Reisegruppen kommen, dann ist noch etwas von der alten Dichte spürbar. Die Gassen sind eng. Die Moscheen öffnen für das Morgengebet. Der Geruch von Holzkohle und Kaffee liegt in der Luft. Ich gehe seit Jahren jeden Morgen durch die Baščaršija, und ich finde dort immer noch Sätze aus dem Roman wieder.
Sarajevo als osmanische Stadt — was noch sichtbar ist
Selimovićs Roman spielt in einer Stadt, die erkennbar osmanisch ist: Minarette, Karawansereien, Hamams, Festungsmauern. In Sarajevo sind diese Schichten noch lesbar, wenn auch überlagert von Habsburg und Sozialismus und Wiederaufbau nach dem Krieg.
- Gazi-Husrev-Beg-Moschee (1531): Die wichtigste osmanische Moschee Bosniens, direkt in der Baščaršija. Freier Eintritt, Führungen auf Anfrage.
- Morića Han: Eine der wenigen erhaltenen Karawansereien des Balkans, heute Restaurant und Café. Die Holzgalerien im Innenhof sind original.
- Vratnik-Festung: Die osmanische Befestigungsanlage über der Stadt, teilweise erhalten. Von hier aus hat man den besten Blick auf die Minarette der Altstadt — und auf das, was Selimovićs Welt räumlich bedeutet.
Selimović lesen — aber wie und wann?
Ich empfehle, das Buch vor der Reise zu lesen — zumindest die ersten hundert Seiten. Nicht weil du dann „mehr siehst", sondern weil das Buch dich in eine bestimmte Stimmung versetzt, die zu Bosnien passt: nachdenklich, ein bisschen melancholisch, aufmerksam für das Gewicht der Geschichte hinter den Dingen.
Wer das Buch nach der Reise liest, wird andere Dinge darin sehen. Die Gassen, die Moscheen, die Stille des frühen Morgens — das alles bekommt Körper. Beides ist richtig. Beides ist eine andere Erfahrung.
Was ich nicht empfehle: Das Buch als Reiseführer zu benutzen. Es ist kein Schlüssel zu Bosnien. Es ist ein Gespräch mit Bosnien — und wie jedes gute Gespräch stellt es mehr Fragen, als es beantwortet.
Selimović im Kontext — die bosnische Literatur des 20. Jahrhunderts
„Der Derwisch und der Tod" ist kein isoliertes Werk. Es steht in einem Gespräch mit anderen großen Texten über Bosnien und den Balkan. Ivo Andrić, Nobelpreisträger 1961, schrieb „Die Brücke über die Drina" — ein Roman, der ebenfalls osmanische Geschichte und bosnische Identität verhandelt, aber aus einer anderen, panoramischeren Perspektive. Während Andrić von außen schaut, ist Selimović vollständig innen. Beide Bücher zusammen geben dir ein Koordinatensystem für Bosnien, das kein Reiseführer ersetzen kann.
Aleksandar Hemon, der dritte große Name der bosnischen Literatur, schreibt über das moderne Sarajevo und die Diaspora — sein Roman „Nowhere Man" ist ein guter Einstieg für alle, denen Selimović zu schwer ist.
Praktische Informationen für die literarische Reise
| Ort | Bezug zum Roman | Praktisches |
|---|---|---|
| Tekija Blagaj | Derwischkloster, Sufi-Welt des Romans | 12 km von Mostar, Eintritt 5 KM, tägl. 8–18 Uhr |
| Baščaršija Sarajevo | Osmanischer Bazar als Macht- und Informationsraum | Kostenlos, früh morgens am besten |
| Gazi-Husrev-Beg-Moschee | Osmanische Religionsarchitektur, Hintergrund des Romans | Freier Eintritt, Kopftuch für Frauen |
| Morića Han | Karawanserei, osmanisches Stadtleben | Heute Restaurant/Café, Innenhof öffentlich zugänglich |
| Vratnik-Festung | Osmanische Befestigung, Machtarchitektur | Kostenlos, Fußweg 20 Min. von Baščaršija |
Das Buch kaufen — wo und in welcher Ausgabe
In Sarajevo bekommst du das Buch in bosnischer Sprache in jeder Buchhandlung. Die schönste ist Buybook in der Radićeva 4 — eine der besten unabhängigen Buchhandlungen des Balkans, mit einem guten Angebot an englischen und deutschen Übersetzungen. Die deutsche Ausgabe ist aktuell über den Buchhandel bestellbar (Suhrkamp, ISBN 978-3-518-37046-1). Die englische Übersetzung „Death and the Dervish" ist ebenfalls erhältlich und von guter Qualität.
Wenn du in Sarajevo bist: Kauf das Buch dort. Es fühlt sich anders an, wenn du es in der Stadt in den Händen hältst, in der sein Autor geboren wurde.
Was das Buch über Bosnien sagt — und was nicht
Ich werde manchmal gefragt, ob „Der Derwisch und der Tod" ein gutes Bild von Bosnien gibt. Die Frage geht an der Sache vorbei. Das Buch gibt kein Bild von Bosnien — es gibt ein Bild von menschlicher Verstrickung in Macht, von Schuld, von dem, was ein Mensch bereit ist zu opfern, wenn er glaubt, einen guten Grund dafür zu haben. Das ist universell. Dass es in Bosnien spielt, im osmanischen Sarajevo, in einer Welt aus Minaretten und Tekijen und Basaren — das ist der Körper, in dem diese universelle Geschichte lebt.
Was das Buch nicht ist: eine Einführung in bosnische Kultur oder Geschichte. Dafür gibt es bessere Texte. Was es ist: eines der großen Bücher über das Gewissen — und ein Buch, das dich, wenn du es in Bosnien liest oder nachdem du dort warst, auf eine Art berührt, die schwer zu erklären ist. Es hat etwas mit dem Licht zu tun. Mit der Stille in den osmanischen Gassen. Mit dem Gewicht der Geschichte, das man in Sarajevo körperlich spürt.
Selimović selbst sagte in einem Interview kurz vor seinem Tod: „Ich habe dieses Buch geschrieben, um zu verstehen, was mit meinem Bruder geschehen ist. Ich habe es nicht verstanden. Aber ich habe das Buch." Das ist die ehrlichste Beschreibung, die ich kenne.
FAQ
Was ist „Der Derwisch und der Tod" — kurz erklärt?
„Der Derwisch und der Tod" (bosnisch: Derviš i smrt) ist ein Roman von Meša Selimović, erschienen 1966. Er erzählt die Geschichte des Derwisch-Gelehrten Ahmed Nurudin im osmanischen Bosnien des 17. Jahrhunderts, der nach der Verhaftung seines Bruders beginnt, mit den Mächtigen zu paktieren — und sich dabei selbst verliert. Das Buch gilt als Hauptwerk der bosnischen Literatur des 20. Jahrhunderts und als einer der bedeutendsten Romane des ehemaligen Jugoslawien.
Wo kann ich das Buch auf Deutsch kaufen?
Die deutsche Übersetzung ist im Suhrkamp Verlag erschienen (ISBN 978-3-518-37046-1) und über den Buchhandel bestellbar. In Sarajevo selbst gibt es die bosnische Originalausgabe in jeder Buchhandlung; englische Übersetzungen sind in der Buchhandlung Buybook (Radićeva 4, Sarajevo) erhältlich.
Welche Orte in Bosnien sind mit dem Roman verbunden?
Die Tekija in Blagaj (12 km von Mostar) ist der konkreteste Ort — ein erhaltenes Derwischkloster des Mevlevi-Ordens aus dem 17. Jahrhundert, direkt an der Buna-Quelle. In Sarajevo sind die Baščaršija, die Gazi-Husrev-Beg-Moschee und die Vratnik-Festung die wichtigsten osmanischen Bezugspunkte des Romans.
Muss ich das Buch vor der Reise gelesen haben?
Nein, aber es lohnt sich. Wer die ersten hundert Seiten vor der Reise liest, kommt mit einer anderen Aufmerksamkeit nach Sarajevo. Wer das Buch nach der Reise liest, versteht bestimmte Stimmungen und Räume tiefer. Beides ist eine gültige Reihenfolge.
Ist das Buch schwer zu lesen?
Ja, es ist anspruchsvoll. Der Roman ist ein langer innerer Monolog, langsam und grübelnd. Wer schnelle Handlung erwartet, wird enttäuscht sein. Wer bereit ist, sich auf einen Gedankenfluss einzulassen, findet eines der eindringlichsten Bücher der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts.
Gibt es andere bosnische Bücher, die ich lesen sollte?
Ja: Ivo Andrićs „Die Brücke über die Drina" (Nobelpreis 1961) als osmanisches Panorama, Aleksandar Hemons „Nowhere Man" als modernes Sarajevo-Buch, und — für den Krieg der 1990er Jahre — Ismet Prcićs „Shards". Diese vier Bücher zusammen geben dir ein literarisches Koordinatensystem für Bosnien, das kein Reiseführer ersetzen kann.
Mein Fazit — nach einem Leben mit diesem Buch
Ich habe „Der Derwisch und der Tod" inzwischen fünfmal gelesen. Jedes Mal an einem anderen Punkt meines Lebens, jedes Mal mit anderen Augen. Mit siebzehn las ich es als Adoleszenz-Roman über Identität. Mit dreißig als politisches Buch über Kompromiss und Macht. Mit vierzig — nach Jahren als Kulturjournalistin, nach dem Sarajevo Film Festival Press Award 2021, nach Gesprächen mit Künstlern und Intellektuellen, die alle auf die eine oder andere Weise mit Selimovićs Fragen ringen — lese ich es als ein Buch über das Gewissen. Über das, was wir uns selbst schulden.
Wenn du nach Bosnien reist und nur ein bosnisches Buch liest: Lies dieses. Nicht weil es dir Sarajevo erklärt. Sondern weil es dir etwas zeigt, das in Sarajevo in der Luft liegt — dieses Gefühl, zwischen Welten zu stehen, zwischen Ost und West, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen dem, was man ist, und dem, was man werden könnte. Ahmed Nurudin ist eine bosnische Figur. Aber er ist auch jeder von uns.
Das Buch liegt gerade wieder auf meinem Nachttisch. Wie immer.