Sarajevo-Rosen: Granatennarben als Stadtkunst

Wie rotes Harz in Asphalt-Wunden zu den eindringlichsten Mahnmalen Europas wurde

Autor: Selma Jusufović

Was sind die Sarajevo-Rosen — eine Definition

Eine Sarajevo-Rose ist kein Blumenbeet. Sie ist ein Granateneinschlag im Asphalt oder Beton, dessen Splittermuster mit rotem Polyesterharz ausgefüllt wurde. Die Form, die beim Aufprall einer Mörsergranate entsteht, erinnert tatsächlich an eine aufgebrochene Blüte — symmetrisch, mit einem Zentrum und nach außen strebenden Splittern. Daher der Name.

Entstanden sind diese Markierungen nach dem Ende der Belagerung von Sarajevo (1992–1995), der längsten Belagerung einer Hauptstadt in der Geschichte moderner Kriegsführung: 1.425 Tage. Die Stadt wurde systematisch beschossen. Überall im Stadtkörper blieben Narben zurück. Irgendwann — die genaue Entstehungsgeschichte der Praxis ist nicht vollständig dokumentiert — begannen Bewohner oder städtische Arbeiter, jene Einschlagstellen mit rotem Harz zu füllen, an denen bei einem Angriff mindestens ein Mensch getötet worden war. Eine stille, kollektive Geste der Erinnerung.

Heute existieren noch etwa 200 Sarajevo-Rosen im Stadtbild — wobei die Zahl schwankt, weil Straßensanierungen immer wieder Einschläge überasphaltieren, ohne dass die Rosen erneuert werden. Das ist ein Problem, auf das ich gleich zurückkomme.

Die Belagerung im Asphalt — historischer Kontext

Um zu verstehen, was eine Sarajevo-Rose bedeutet, muss man wissen, was in diesen 1.425 Tagen geschah. Die Stadt war von Truppen der bosnisch-serbischen Armee eingekreist, die auf den umliegenden Hügeln Stellungen bezogen hatten. Von dort aus wurde die Zivilbevölkerung beschossen — mit Granaten, Mörsern, Scharfschützengewehren. Durchschnittlich 329 Granaten schlugen täglich in der Stadt ein, an manchen Tagen über 3.500.

Der Marktplatz Markale wurde zweimal gezielt angegriffen: am 5. Februar 1994 starben dort 68 Menschen, am 28. August 1995 weitere 43. Beide Male inmitten einer Menschenmenge, die versuchte, Lebensmittel zu kaufen. Es gibt am Markale heute eine Sarajevo-Rose — und eine Gedenktafel. Ich stehe oft dort, wenn ich mit ausländischen Gästen durch die Stadt gehe. Ich sage dann nichts. Ich warte, bis sie selbst fragen.

Die Granaten trafen keine Militärziele. Sie trafen Schlangen vor Wasserpumpen, Kinder auf Schulwegen, Menschen, die einen Moment in der Sonne standen. Das Splittermuster im Beton ist das einzige, was davon geblieben ist — neben den Erinnerungen der Überlebenden.

Wie eine Sarajevo-Rose entsteht — Physik und Symbol

Eine Mörsergranate schlägt mit hoher Geschwindigkeit auf eine harte Oberfläche. Die Energie entlädt sich radial: Der Aufprallpunkt wird tief eingedrückt, die Splitter reißen vom Zentrum nach außen unregelmäßige, aber charakteristisch blütenartige Rillen in den Asphalt. Dieser Abdruck kann je nach Granatentyp und Aufprallwinkel einen Durchmesser von 30 bis über 100 Zentimetern erreichen.

Das rote Kunstharz — ein Polyesterharz, das in die Rillen gegossen und ausgehärtet wird — macht das Muster dauerhaft sichtbar und gibt ihm die Farbe von Blut. Die Farbwahl ist kein Zufall. Sie ist Absicht. Eine Sarajevo-Rose, die verblasst oder überasphaltiert wird, hört auf, eine Warnung zu sein. Sie wird unsichtbar wie die Erinnerung selbst.

„Svaka ruža je jedna priča." — Jede Rose ist eine Geschichte. Das sagte mir einmal Edin, ein Stadtführer, der selbst als Kind die Belagerung erlebt hat. Er zeigte mir eine Rose in der Ferhadija-Straße und erklärte, dass sein Onkel genau hier gestanden hatte, als die Granate einschlug. Er hatte überlebt. Andere nicht.

Wo du die Sarajevo-Rosen findest — eine Orientierung

Es gibt keine offizielle Karte aller Sarajevo-Rosen. Das ist Teil ihres Wesens: Sie sind kein kuratiertes Museum, sondern ein organisch gewachsenes Stadtgedächtnis. Wer sie sucht, muss gehen, schauen, innehalten.

Die höchste Dichte findet sich in der Innenstadt, insbesondere in diesen Bereichen:

  • Ferhadija-Straße (Fußgängerzone, Zentrum): Mehrere gut erhaltene Rosen direkt im Gehweg, gut sichtbar auch bei Tageslicht.
  • Markale-Markt (Mula Mustafe Bašeskije): Die bekannteste Rose, mit Gedenktafel. Hier starben 1994 und 1995 insgesamt 111 Menschen bei zwei Angriffen.
  • Titova ulica (Tito-Straße): Mehrere Einschläge entlang der breiten Hauptstraße, teils bereits überasphaltiert.
  • Baščaršija-Randbereich: Einzelne Rosen, die Besucher meist übersehen, weil die Aufmerksamkeit auf die osmanische Architektur gerichtet ist.
  • Obala Kulina Bana (Uferstraße): Einschläge entlang der Miljacka, nahe der Lateinerbrücke.

Mein persönlicher Tipp: Geh früh morgens, wenn die Straßen noch leer sind. Dann siehst du die Rosen ohne die Ablenkung der Menschenmenge. Und du siehst, wie der Asphalt um sie herum bereits wieder erneuert wurde — während die Rose selbst übrig bleibt wie ein Fremdkörper in einem neuen Körper.

Praktische Informationen für den Besuch

Detail Information
Eintritt Kostenlos — öffentlicher Stadtraum
Beste Besuchszeit Früh morgens (7–9 Uhr) oder Abenddämmerung — weniger Betrieb, besseres Licht für Fotos
Geführte Touren Kriegstouren mit lokalen Guides (z.B. über GetYourGuide, ca. 39 € mit Veteran-Guide, Bewertung 4,9/5 bei über 600 Rezensionen) — empfehlenswert für Kontext
Kombination Galerija 11/07/95 (Srebrenica-Gedenkstätte), War Childhood Museum, Tunnel der Hoffnung
GPS Markale 43.8589° N, 18.4279° E
Fotografieren Erlaubt — aber mit Würde. Nicht posieren, nicht lachen.

Das Problem des Verschwindens — eine stille Katastrophe

Hier muss ich ehrlich sein, weil es mich tatsächlich beschäftigt: Die Sarajevo-Rosen verschwinden. Nicht durch politischen Entschluss, sondern durch Gleichgültigkeit und Pragmatismus. Wenn eine Straße saniert wird, wird neuer Asphalt aufgetragen. Die Rose darunter existiert nicht mehr. Es gibt kein systematisches Programm, das die Rosen dokumentiert, schützt oder nach Sanierungen wiederherstellt.

Laut verschiedenen lokalen Medienberichten waren es in den frühen 2000er-Jahren noch über 400 Rosen. Heute sind es schätzungsweise noch rund 200 — wobei auch diese Zahl ungesichert ist, da keine offizielle Inventur existiert. Einige Stadtteile haben ihre Rosen vollständig verloren. Es gibt Debatten in Sarajevo, ob und wie man sie systematisch schützen sollte. Bisher ohne konkretes Ergebnis.

Das ist, finde ich, selbst ein Teil der Geschichte: Wie eine Stadt mit ihrer Wunde umgeht. Ob sie erinnert oder vergisst. Ob das Erinnern eine politische Entscheidung ist oder ein natürlicher Prozess des Vergessens. In Sarajevo ist es beides gleichzeitig — und das macht es komplizierter als jedes offizielle Denkmal.

Sarajevo-Rosen und zeitgenössische Kunst — meine Perspektive

Als Kuratorin, die sich seit Jahren mit bosnischer Kunst nach dem Krieg beschäftigt, sehe ich die Sarajevo-Rosen als das vielleicht wirkungsvollste Kunstwerk, das die Stadt hervorgebracht hat — obwohl sie von niemandem als Kunst intendiert waren. Oder vielleicht gerade deshalb.

Sie erfüllen, was die beste Gedenkkunst tun sollte: Sie sind nicht aufdringlich. Sie fordern keine Reaktion. Sie liegen einfach da, im Boden, unter den Füßen der Passanten, die sie täglich überqueren — manche ohne sie je zu bemerken, manche mit einem kurzen Innehalten, manche mit Tränen. Die Wirkung entsteht im Betrachter, nicht im Objekt.

Als ich 2022 die Bosnien-Sektion einer Berliner Gruppenausstellung kuratierte, diskutierten wir intensiv, ob und wie wir die Rosen repräsentieren sollten. Am Ende entschieden wir uns für Fotografien von Amra Bakšić Čamo, die die Rosen im Kontext des alltäglichen Stadtlebens zeigen — Menschen, die darüber gehen, Kinder, die daneben spielen. Weil das die eigentliche Wahrheit ist: Das Leben geht weiter. Über den Narben.

In diesem Sinne sind die Rosen auch ein Kommentar zur Resilienz. Nicht als Kitsch, nicht als Triumph. Sondern als stilles Faktum: Wir sind noch hier. Der Asphalt trägt uns. Und er trägt auch das, was wir nicht vergessen dürfen.

Wie man die Rosen besucht — ein Knigge

Dark Tourism hat einen schlechten Ruf, weil er oft falsch gemacht wird: mit Selfie-Sticks, lautem Kommentar, dem Hunger nach dem perfekten Instagram-Bild. Bei den Sarajevo-Rosen ist das besonders heikel, weil sie keine abgegrenzte Gedenkstätte sind. Sie liegen mitten im Leben der Stadt.

Ein paar Grundsätze, die ich jedem mitgebe:

  • Informiere dich vorher. Wer ohne Kontext vor einer Rose steht, sieht nur ein rotes Muster im Boden. Wer weiß, was er sieht, versteht es.
  • Fotografiere mit Bedacht. Ein Foto der Rose ist in Ordnung. Sich darauf zu stellen oder davor zu posieren ist es nicht.
  • Buche einen lokalen Guide. Die Kriegstouren mit Veteranen oder Überlebenden sind keine Voyeurismus-Veranstaltungen — sie sind Gespräche. Der Unterschied ist enorm.
  • Kombiniere den Besuch mit anderen Orten. Die Galerija 11/07/95, das War Childhood Museum (Logavina 32, Sarajevo) und der Tunnel der Hoffnung (Tunel spasa, Tuneli 1, Ilidža) geben den Rosen den Rahmen, den sie brauchen.
  • Lass Stille zu. Die stärksten Momente am Markale-Markt sind die, in denen man einfach steht und schaut.

Mein Fazit — nach einem Leben in dieser Stadt

Ich lebe seit meiner Kindheit in Sarajevo. Die Belagerung habe ich als Kind erlebt — ich war sieben, als sie begann, fast zehn, als sie endete. Ich erinnere mich an Dinge, die ich hier nicht aufschreiben werde. Aber ich erinnere mich auch daran, wie die Stadt danach wieder geatmet hat. Langsam. Unvollständig. Aber sie hat geatmet.

Die Sarajevo-Rosen sind für mich kein Touristenattraktion. Sie sind Teil meines Alltags — buchstäblich, weil ich täglich über einige von ihnen gehe. Und genau das ist ihre Stärke: Sie verlangen keine besondere Reise, keinen Eintritt, keine Vorbereitung. Sie liegen einfach da. Und wer sehen will, sieht.

Wenn du nach Sarajevo kommst und eine Rose findest — steh einen Moment. Nicht für das Foto. Für das, was darunter liegt.

Weiterführend empfehle ich die externe Ressource der BHMAC (Bosnia and Herzegovina Mine Action Centre) für Hintergrundinformationen zur Nachkriegssituation in BiH sowie den Wikipedia-Artikel zu den Belagerung von Sarajevo als historischen Einstieg.

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