Goran Bregović — Sarajevo, Bijelo Dugme, Welt
Wie ein Sarajevoer Rockmusiker zur Stimme des Balkans auf der Weltbühne wurde
Autor: Matthias Köhler
Ein Sarajevoer Kind zwischen zwei Welten
Als ich im Herbst 2018 für mein Buch Sarajevo — Stadt der vier Religionen in der Baščaršija saß und mit einem alten Musikjournalisten namens Senad über die Kulturgeschichte der Stadt sprach, kam unweigerlich ein Name: Goran Bregović. „Er ist unser Dylan", sagte Senad, zog an seiner Zigarette und schaute auf die Sebilj-Brunnen. „Aber er hat uns auch verraten. Oder wir ihn. Ich weiß es nicht mehr."
Diese Ambivalenz begleitet Bregović bis heute. Wer ihn verstehen will, muss Sarajevo verstehen. Und wer Sarajevo verstehen will, kommt an Bregović nicht vorbei.
Goran Bregović wurde am 22. März 1950 in Sarajevo geboren — als Sohn eines serbischen Vaters und einer kroatischen Mutter. Schon diese Herkunft ist programmatisch für einen Musiker, dessen gesamtes Werk an den Bruchlinien und Verbindungslinien des Balkans entlangläuft. Er wuchs in einem Sarajevo auf, das noch das kosmopolitische Versprechen Jugoslawiens verkörperte: Moscheen, Kathedralen, Synagogen und orthodoxe Kirchen auf engstem Raum — jene vier Religionen, die ich in meinen Forschungsaufenthalten immer wieder als den eigentlichen Schlüssel zur Stadt beschreibe.
Die Stadt formte ihn. Und er formte, wie die Welt diese Stadt klingt.
Bijelo Dugme: Jugoslawiens größte Rockband
1974 gründete Bregović in Sarajevo die Band Bijelo Dugme — auf Deutsch: Weißer Knopf. Der Name klingt unspektakulär, die Musik war es nicht. Bijelo Dugme wurde zur meistverkauften Rockband des sozialistischen Jugoslawiens, eine Erscheinung, die in ihrer kulturellen Bedeutung kaum zu überschätzen ist.
Was Bregović mit Bijelo Dugme schuf, war keine simple Kopie westlicher Rockmusik. Er verwob elektrische Gitarren mit bosnischen Volksmelodien, ließ Rhythmen aus der Sevdah-Tradition in Rockstrukturen einfließen und schuf damit eine genuin südslawische Rocksprache. Das war 1974 — in einem Land, das zwischen Ost und West balancierte, war das eine kulturpolitische Aussage.
Die Texte — oft von Bregović, oft von befreundeten Dichtern — berührten Liebe, Heimweh, den bosnischen Alltag. Alben wie Kad bi' bio bijelo dugme (1974) oder Eto! Baš hoću! (1976) verkauften sich millionenfach. Konzerte wurden zu nationalen Ereignissen. In den späten 1970ern und frühen 1980ern war Bijelo Dugme das, was die Rolling Stones für Großbritannien waren: Spiegel und Vergrößerungsglas einer Generation.
Ich erinnere mich, wie mir bei einem Forschungsaufenthalt in Sarajevo 2009 ein älterer Herr im Café Tito — ja, das gibt es wirklich — erzählte, er habe 1978 auf einem Bijelo-Dugme-Konzert in Zenica seine spätere Frau kennengelernt. „Die Musik hat uns zusammengebracht", sagte er. „Und dann hat der Krieg uns fast auseinandergebracht." Diese persönlichen Geschichten, die sich um Bregovićs Musik ranken, sind Legion.
1989 löste Bregović Bijelo Dugme auf — kurz vor dem Zerfall Jugoslawiens. Ob er ahnte, was kam? In Interviews hat er sich dazu stets mehrdeutig geäußert. Die Band hatte ihren Zenit überschritten, das ist die nüchterne Erklärung. Aber der Zeitpunkt bleibt symbolisch aufgeladen.
Emir Kusturica und die Entdeckung der Filmmusik
Der zweite Akt von Bregovićs Karriere begann mit einer Begegnung, die Filmgeschichte schreiben sollte: Emir Kusturica, ebenfalls Sarajevoer, ebenfalls Kind dieser Stadt der vier Religionen, suchte für seinen Film Dom za vešanje (Zeit der Zigeuner, 1988) einen Komponisten, der das Lebensgefühl des Balkans musikalisch fassen konnte.
Bregović lieferte. Die Musik zu Zeit der Zigeuner war eine Offenbarung: Roma-Blechbläser, orthodoxe Kirchengesänge, türkische Makam-Skalen, alles durchpulst von einem Rhythmus, der gleichzeitig uralt und brandneu klang. Der Film gewann die Jury-Preis in Cannes. Die Musik machte Bregović international bekannt.
Es folgten weitere Zusammenarbeiten mit Kusturica: Arizona Dream (1993) und das epochale Underground (1995), das in Cannes die Goldene Palme gewann. Die Musik zu Underground — diese rauschhaften Blechbläser-Orgien, diese melancholisch-ekstatischen Melodien — ist für viele Menschen das erste und bleibende Klangbild des Balkans. Das ist Bregović: Er hat definiert, wie der Balkan für westliche Ohren klingt.
Dabei ist diese Definition nicht unumstritten. Kritiker — vor allem aus dem Roma-Umfeld — haben darauf hingewiesen, dass Bregović romani Musik intensiv genutzt, aber die Musiker und ihre Tradition nicht immer angemessen gewürdigt hat. Diese Debatte um kulturelle Aneignung ist in Bosnien und im akademischen Diskurs über Balkanmusik präsent. Ich halte es für wichtig, sie zu benennen, auch wenn Bregovićs musikalische Leistung dadurch nicht kleiner wird.
Das Wedding and Funeral Orchestra: Weltmusik aus Sarajevo
Seit den frühen 1990er Jahren tritt Bregović mit seinem Wedding and Funeral Orchestra auf — ein Ensemble, das Hochzeits- und Beerdigungsmusik des Balkans zu einem globalen Spektakel verdichtet. Die Besetzung ist programmatisch: Blechbläser, Perkussion, Frauenstimmen, manchmal Streicher, manchmal Elektronik.
Die Konzerte sind Ereignisse. Ich habe Bregović zweimal live erlebt — einmal 2013 beim Sarajevo Film Festival, einmal 2019 in Heidelberg. Beide Male dasselbe Phänomen: Das Publikum, ob bosnische Diaspora oder deutsches Bildungsbürgertum, wird in denselben Sog hineingezogen. Die Musik funktioniert kulturübergreifend, weil sie an etwas Archaisches appelliert — an die Gleichzeitigkeit von Trauer und Feier, die in südslawischen Kulturen tief verwurzelt ist.
Das Hochzeits- und Beerdigungsmotiv ist dabei kein Zufall. In Bosnien, wo ich bei Recherchen mehrfach traditionellen Hochzeiten und Begräbnissen beiwohnen durfte, ist die Musik in beiden Kontexten präsent und oft dieselbe. Die Grenzen zwischen Freude und Schmerz sind durchlässiger als im mitteleuropäischen Empfinden. Bregović hat diese kulturelle Besonderheit in ein universelles Musiktheater übersetzt.
Bregović und der Krieg — eine komplizierte Stille
1992 begann die Belagerung Sarajevos. Bregović war da bereits nicht mehr in der Stadt. Er lebte in Paris. Während Sarajevo 1.425 Tage lang beschossen wurde, während die Vijećnica brannte und der Markale-Markt zweimal zum Schauplatz von Massenmorden wurde, komponierte Bregović in Frankreich.
Das hat ihm manche Bosnier nie verziehen. Der Vorwurf: Er hat die Stadt verlassen, als es ernst wurde. Er hat vom Balkan-Image profitiert, ohne die Konsequenzen des Balkan-Wahnsinns zu tragen. Bregović selbst hat auf diese Kritik selten direkt geantwortet. In einem Interview sagte er einmal sinngemäß: „Ich bin Musiker, kein Soldat."
Ich verstehe beide Seiten dieser Debatte. Als jemand, der die Narben des Krieges in Sarajevo intensiv erforscht hat — die Einschusslöcher in den Fassaden, die Rosenmarkierungen auf den Pflastersteinen, die Zeugnisse im War Childhood Museum — kann ich die emotionale Aufladung dieser Frage nachvollziehen. Gleichzeitig: Künstler im Exil haben eine lange Geschichte, und die Frage, wer das Recht hat, eine Kultur zu repräsentieren, ist selten einfach zu beantworten.
Was bleibt, ist die Musik. Und die Musik trägt Sarajevo in sich, ob Bregović das wollte oder nicht.
Das musikalische Erbe: Zwischen Sevdah, Roma und Weltmarkt
Um Bregovićs Musik historisch einzuordnen, muss man die musikalischen Schichten Bosniens kennen. Sevdah — die traditionelle bosnische Vokalmusik, deren Name vom arabisch-türkischen Wort für Melancholie abstammt — ist die älteste Schicht. Sie entstand in den osmanischen Städten des 16. bis 19. Jahrhunderts, gepflegt in den Kaffeehäusern und Harems der bosnischen Beys.
Bregović hat Sevdah nicht direkt kopiert, aber er hat aus demselben emotionalen Reservoir geschöpft: diese Mischung aus Schmerz und Hingabe, aus Weltschmerz und Lebensfreude, die das Bosnische so charakteristisch macht. Wer mehr über die Sevdah-Tradition erfahren möchte, findet in der Geschichte von Damir Imamović — dem wohl wichtigsten lebenden Sevdah-Interpreten — einen erhellenden Kontrast zu Bregovićs kommerziellerem Ansatz.
Hinzu kommt die Roma-Musik, die in Bosnien seit Jahrhunderten präsent ist. Die Blechbläser-Tradition, die Bregović so intensiv nutzt, kommt aus diesem Kontext. In Städten wie Sarajevo und Tuzla gibt es bis heute lebendige Roma-Musikertraditionen, die weit weniger international bekannt sind als Bregović — und die seinen Erfolg mit gemischten Gefühlen betrachten.
Sarajevo hören: Wo Bregovićs Musik lebt
Wer nach Sarajevo reist und Bregovićs musikalische Wurzeln spüren will, dem empfehle ich nicht das nächste Konzert auf Spotify, sondern einen Abend in der Baščaršija. Setz dich in ein Café — ich schätze den Caffe Bar Andar in der Saraci 22, einem ehemaligen Schuhmacherladen, der heute eine der authentischsten Kaffeeatmosphären der Altstadt bietet (täglich 8–23 Uhr) — und hör zu.
Du wirst Fetzen von Musik hören, die Bregović beeinflusst hat und die er beeinflusst hat. Du wirst verstehen, warum diese Stadt einen solchen Musiker hervorbringen konnte. Und du wirst vielleicht auch verstehen, warum die Beziehung zwischen Bregović und Sarajevo so kompliziert geblieben ist: zu nah, zu prägend, zu schmerzhaft.
Im Juli, während der Baščaršija Nights — dem monatlichen Kulturfestival in der Sarajevoer Altstadt — wird Musik gespielt, die direkt aus dem Reservoir stammt, aus dem auch Bregović schöpfte. Das ist die lebendige Version dessen, was er für die Weltbühne arrangiert hat.
„Musik ist das einzige, was in diesem Land alle verbindet — und das einzige, worüber alle streiten." — Senad, Sarajevoer Musikjournalist, Gespräch 2018
Praktische Informationen: Bregović-Spuren in Sarajevo
| Ort / Tipp | Details |
|---|---|
| Baščaršija, Sarajevo | Herz der osmanischen Altstadt — musikalisches Zentrum seit Jahrhunderten. Zu Fuß erkundbar. |
| Caffe Bar Andar | Saraci 22, Sarajevo. Täglich 8–23 Uhr. Authentische Kaffeeatmosphäre, kein Touristencafé. |
| Sarajevo Film Festival | Jährlich im August, 9 Tage. Größtes Filmfestival Südosteuropas — Bregović-Musik im Kontext Kusturica-Retrospektiven möglich. |
| Baščaršija Nights | Jeden Juli, ein Monat lang Konzerte und Kulturveranstaltungen in der Altstadt. Eintritt oft kostenlos oder günstig. |
| Anreise Sarajevo | Flughafen SJJ (Sarajevo International), gut angebunden. Innenstadt per Tram 3 erreichbar. |
| Konzerte Bregović | Internationale Tourneen — aktuelle Termine auf der offiziellen Website prüfen. Auftritte in BiH meist bei nationalen Festivals. |
Mein Fazit nach 18 Bosnien-Reisen
Goran Bregović ist für mich kein einfaches Phänomen — und das ist gut so. Er ist kein Heiliger und kein Verräter. Er ist ein Musiker, der aus einem der kulturell reichsten Städte Europas stammt, der das Erbe dieser Stadt in eine Weltsprache übersetzt hat — und der dabei Kompromisse gemacht hat, die manche für unverzeihlich halten.
Was ich nach 18 Reisen nach Bosnien und zwei halbjährigen Forschungsaufenthalten in Sarajevo sagen kann: Bregovićs Musik hat mehr Menschen für Bosnien interessiert als jedes Tourismusplakat. Sie hat Türen geöffnet. Sie hat Fragen gestellt. Und sie hat — das ist das Entscheidende — die emotionale Komplexität dieses Landes nicht vereinfacht, sondern verstärkt.
Wer Bosnien wirklich verstehen will, sollte Bregović hören. Und dann nach Sarajevo fahren, um zu verstehen, was hinter der Musik steckt. Die Stadt erklärt den Musiker. Und der Musiker erklärt die Stadt.