Galerija 11/07/95 – Srebrenica respektvoll besuchen

Ein Ort, der schweigt und trotzdem alles sagt – mein Besuch in Sarajevos wichtigster Gedenkstätte

Autor: Selma Jusufović

Was ist die Galerija 11/07/95?

Die Galerija 11/07/95 ist eine Gedenkgalerie in der Sarajevoer Altstadt, die dem Genozid von Srebrenica gewidmet ist. Das Datum im Namen ist kein Zufall: Am 11. Juli 1995 fielen bosnisch-serbische Truppen unter General Ratko Mladić in die UN-Schutzzone Srebrenica ein. In den folgenden Tagen wurden mehr als 8.000 bosnisch-muslimische Männer und Jungen systematisch ermordet – der schlimmste Massenmord in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Galerie wurde 2012 von der Vereinigung der Mütter von Srebrenica und Žepa gegründet und befindet sich im Herzen der Baščaršija, unweit des Sebilj-Brunnens.

Sie ist kein Museum im herkömmlichen Sinne. Keine Vitrinen, keine Artefakte, keine erklärenden Tafeln im Stil eines Stadthistorischen Museums. Stattdessen: großformatige Fotografien, Videoinstallationen, Zeugenaussagen. Bilder, die sich ins Gedächtnis brennen. Ich war das erste Mal 2013 dort – auf Einladung eines Kollegen vom Sarajevo Film Festival. Ich dachte, ich wäre vorbereitet. Ich war es nicht.

Was dich in der Galerie erwartet

Die Ausstellung ist in mehrere Abschnitte gegliedert. Der erste Raum zeigt Luftaufnahmen der Massengräber – aufgenommen von amerikanischen Aufklärungsflugzeugen in den Wochen nach dem Juli 1995. Diese Bilder waren entscheidend für die Strafverfolgung vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag. Wer sie sieht, versteht sofort, warum Srebrenica nicht als "Kriegsverbrechen" verharmlost werden darf, sondern als das anerkannt werden muss, was es ist: Genozid.

Im zweiten Bereich dominieren Porträtfotos der Opfer. Keine Massengräber, keine Statistiken – Gesichter. Ein Junge mit Fußballtrikot. Ein Vater mit seiner Tochter auf den Schultern. Ein alter Mann, der lacht. Die Kuratoren haben diese Entscheidung bewusst getroffen: Menschen, keine Zahlen. Das ist kuratorisch klug und menschlich erschütternd zugleich.

Der dritte Raum zeigt Videoinstallationen mit Überlebendenberichten. Hier gibt es Kopfhörer, man kann sich setzen. Ich empfehle, sich die Zeit zu nehmen – mindestens 20 Minuten für diesen Bereich allein. Die Zeugenaussagen sind auf Bosnisch mit englischen und deutschen Untertiteln verfügbar.

„Ich habe meinen Sohn zuletzt am 10. Juli gesehen. Er war 16. Er hat mir gesagt: Mama, keine Angst, die UN sind hier." – Zeuge aus einer Videoinstallation der Galerie

Zum Abschluss gibt es eine Dokumentation über die Identifizierung der Opfer durch DNA-Analysen – eine Arbeit, die bis heute andauert. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz und das Institut für vermisste Personen BiH (Institut za nestale osobe) haben bislang über 7.000 Opfer identifiziert. Einige Familien warten noch immer.

Praktische Informationen für deinen Besuch

Information Details
Adresse Trg fra Grge Martića 2/II, 71000 Sarajevo
Öffnungszeiten Mo–Fr 10:00–18:00 Uhr, Sa 10:00–16:00 Uhr (Sommer bis 20:00 Uhr verlängert)
Eintritt Freiwillige Spende; keine feste Eintrittsgebühr
Sprachen Bosnisch, Englisch, Deutsch (Audioguide und Untertitel)
Dauer 45–90 Minuten empfohlen
Lage 1. Etage, direkt in der Baščaršija; zu Fuß vom Sebilj-Brunnen ca. 3 Minuten
GPS 43.8593° N, 18.4319° O
Barrierefreiheit Eingeschränkt – Aufgang über Treppen, kein Aufzug

Hinweis: Die Galerie ist eine Non-Profit-Einrichtung und lebt von Spenden und Unterstützung. Wer kann, sollte etwas in die Spendenbox geben oder im kleinen Shop der Vereinigung eine Publikation kaufen. Das Geld fließt direkt in die Arbeit der Überlebenden-Organisationen.

Wie du den Besuch respektvoll gestaltest

Diese Frage stellen mir viele Menschen, die zum ersten Mal nach Sarajevo kommen – und ich finde sie wichtig. Denn es gibt einen Unterschied zwischen einem Besuch, der wirklich etwas bewirkt, und einem, der nur das touristische Pflichtprogramm abhakt.

  • Komm mit Zeit. Plane mindestens 90 Minuten ein, nicht 20. Wer durch die Galerie huscht, verpasst den Kern: das langsame Begreifen.
  • Lass das Handy in der Tasche. Fotografieren ist in Teilen der Galerie erlaubt, aber frage vorher. Selfies vor den Opferfotos sind absolut unangebracht.
  • Komm möglichst allein oder in kleiner Gruppe. Gruppen von mehr als zehn Personen verändern die Atmosphäre. Wenn du mit einer Reisegruppe kommst, bitte darum, den Raum in kleinen Untergruppen zu betreten.
  • Lies dich vorher ein. Ich empfehle Hasan Nuhanović's Buch Under the UN Flag oder – als Filmeinstieg – Jasmila Žbanićs Quo vadis, Aida? (Oscar-nominiert 2021). Wer das Grundgerüst kennt, kann die Ausstellung tiefer verarbeiten.
  • Sei ehrlich mit deinen Reaktionen. Manche Menschen weinen. Manche werden wütend. Manche stehen stumm. All das ist richtig. Was falsch wäre: nichts fühlen und sofort weiterziehen zum nächsten Café.

Srebrenica selbst besuchen – lohnt sich der Weg?

Die Galerija 11/07/95 in Sarajevo ist der erste Schritt. Wer mehr Zeit hat und bereit ist, tiefer zu gehen, sollte auch Srebrenica selbst besuchen – genauer gesagt das Memorijalcenter Srebrenica-Potočari, etwa 80 Kilometer nordöstlich von Sarajevo.

Das Memorialzentrum befindet sich in der ehemaligen UN-Basis – dem niederländischen Bataillon (Dutchbat), das die Schutzzone hätte verteidigen sollen. Heute ist dort ein Museum, und auf dem angrenzenden Friedhof liegen die identifizierten Opfer begraben: weiße Grabsteine, Reihe für Reihe, so weit das Auge reicht. Ich war 2019 das erste Mal dort. Ich habe an diesem Tag keine Notizen gemacht. Manche Orte verlangen Stille.

Die Anreise ab Sarajevo dauert mit dem Auto etwa 1,5 Stunden. Es gibt auch organisierte Tagestouren ab Sarajevo, die ich für Menschen ohne eigenes Fahrzeug empfehle – allerdings solltest du darauf achten, einen Guide zu wählen, der den historischen Kontext sachkundig und respektvoll vermittelt, nicht als Sensation.

Wichtige Hinweise zur Anreise nach Srebrenica

  • Die Route führt durch die Republika Srpska – das ist politisch und historisch bedeutsam. Kein Grund zur Sorge, aber gut zu wissen.
  • Das Memorialzentrum ist täglich von 9:00–17:00 Uhr geöffnet (Sommer bis 18:00 Uhr).
  • Der Eintritt ins Museum beträgt 5 KM (ca. 2,50 €), der Friedhof ist frei zugänglich.
  • Am 11. Juli findet jährlich die offizielle Gedenkfeier statt – eine der bewegendsten und wichtigsten Veranstaltungen Europas. Wer dabei sein kann, sollte es tun.

Der historische Kontext – weil er zählt

Ich sage das als jemand, die in Sarajevo aufgewachsen ist und die Belagerung als Kind erlebt hat: Srebrenica ist kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte. Es ist eine offene Wunde, eine politische Gegenwart und eine moralische Verpflichtung.

Der Internationale Gerichtshof (IGH) und das ICTY haben den Massenmord von Srebrenica offiziell als Genozid anerkannt. Ratko Mladić wurde 2017 zu lebenslanger Haft verurteilt. Radovan Karadžić ebenfalls. Und dennoch: In Teilen der Republika Srpska wird der Genozid bis heute öffentlich geleugnet. Schulbücher verharmlosen. Politiker relativieren. Das macht den Besuch der Galerija 11/07/95 nicht weniger wichtig – sondern dringlicher.

Wer mehr über die politischen Hintergründe verstehen möchte, dem empfehle ich die Website des International Commission on Missing Persons (ICMP) sowie die umfangreichen Urteilsdokumente des ICTY, die online zugänglich sind.

Mein Fazit – nach unzähligen Besuchen

Ich habe die Galerija 11/07/95 in den letzten zwölf Jahren vielleicht zwanzig Mal besucht – manchmal allein, manchmal mit Kolleginnen aus dem Feuilleton, manchmal mit Freunden aus Deutschland, die zum ersten Mal nach Sarajevo kamen. Jedes Mal ist es anders. Jedes Mal ist es schwer. Und jedes Mal verlasse ich den Raum mit dem Gefühl, dass dieser Ort existieren muss.

Bosnien ist ein Land voller Schönheit, Gastfreundschaft und Lebensfreude. Das ist real und das stimmt. Aber wer nur die schöne Seite sehen will und Srebrenica ausblendet, versteht dieses Land nicht. Die Galerija 11/07/95 ist kein Pflichtprogramm im touristischen Sinne. Sie ist eine Einladung zur Ehrlichkeit. Ich nehme sie jedes Mal an.

— Selma Jusufović, Sarajevo

FAQ – Häufige Fragen zur Galerija 11/07/95

Ist der Besuch der Galerija 11/07/95 für Kinder geeignet?

Die Ausstellung zeigt keine explizit brutalen Bilder, aber die Thematik ist schwer. Ich würde den Besuch für Kinder unter 14 Jahren nicht empfehlen – oder nur mit sehr viel Vorbereitung und Begleitung. Jugendliche ab 14–15 Jahren können und sollten die Galerie besuchen.

Muss ich Eintritt zahlen?

Nein, es gibt keine feste Eintrittsgebühr. Die Galerie bittet um eine freiwillige Spende. Bitte gib etwas – die Einrichtung wird von der Vereinigung der Überlebenden getragen und ist auf Unterstützung angewiesen.

Wie lange sollte ich für den Besuch einplanen?

Mindestens 60 Minuten, besser 90. Wer die Videoinstallationen vollständig anschauen möchte, braucht bis zu zwei Stunden. Plane danach bewusst Zeit für dich ein – ein ruhiger Spaziergang oder ein Kaffee allein tut gut.

Kann ich die Galerie ohne Führung besuchen?

Ja, der selbständige Besuch ist gut möglich. Die Ausstellung ist in mehreren Sprachen beschriftet, Audioguides sind verfügbar. Geführte Touren gibt es auf Anfrage – besonders für Schulgruppen oder Delegationen empfehlenswert.

Wie komme ich zur Galerie?

Die Galerie liegt im ersten Obergeschoss eines Gebäudes direkt in der Baščaršija, wenige Gehminuten vom Sebilj-Brunnen. Zu Fuß aus der Altstadt: ca. 3–5 Minuten. Mit dem Taxi vom Bahnhof: ca. 10 Minuten, 3–5 KM Fahrtpreis.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Galerie und dem Memorialzentrum in Potočari?

Die Galerie in Sarajevo und das Memorialzentrum Srebrenica-Potočari sind eigenständige Einrichtungen, aber thematisch eng verbunden. Die Galerie ist ein guter erster Schritt – Potočari der nächste, tiefere. Wer beide besucht, versteht das Ausmaß des Geschehens von 1995 vollständiger.

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