Željava Airbase — die gesprengte Untergrundluftwaffe

Jugoslawiens geheimster Militärkomplex an der Grenze zwischen Bosnien und Kroatien

Autor: Denis Omerović

Was ist die Željava Airbase — und warum kennt sie kaum jemand?

Es gibt Orte, die sich dem Vergessen widersetzen, weil ihre bloße Existenz zu unwahrscheinlich ist. Die Željava Airbase — auf Bosnisch Vojni aerodrom Željava, auf Kroatisch Vojna baza Željava — ist so ein Ort. Ich stand das erste Mal 2019 vor dem Haupttunnel-Eingang und dachte: Das kann nicht real sein. Ein Flughafen, der in einen Berg gebaut wurde. Startbahnen, die in zwei Ländern liegen. Und eine Sprengung, die so gewaltig war, dass sie noch in Wien auf den Seismographen ausschlug.

Die Airbase liegt am Berg Plješevica, auf der Grenze zwischen Bosnien-Herzegowina und Kroatien, unweit der Stadt Bihać im Nordwesten BiHs. Gebaut zwischen 1948 und 1968, war sie das größte und teuerste Militärprojekt der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien — mit Gesamtkosten, die je nach Quelle zwischen 4,6 und 6 Milliarden US-Dollar lagen. Zum Vergleich: Das war mehr, als Jugoslawien damals für sein gesamtes Straßennetz ausgegeben hatte.

Heute ist Željava ein Ruinenfeld, ein Mahnmal, ein Fotomotiv und — für diejenigen, die sich die Zeit nehmen — eine der eindringlichsten Geschichtslandschaften des Westbalkans.

Bau und Konzeption: Ein Flughafen im Inneren eines Berges

Die Idee hinter Željava war so simpel wie kühn: Im Kalten Krieg brauchte Jugoslawien eine Luftwaffenbasis, die einem Atomangriff standhalten konnte. Titos Bruch mit Stalin 1948 hatte das Land in eine strategisch heikle Position gebracht — weder NATO noch Warschauer Pakt, aber von beiden Seiten bedroht. Die Lösung: Man baute den Flughafen buchstäblich in den Berg.

Das Tunnelsystem im Plješevica umfasste rund 3,5 Kilometer unterirdische Gänge. Darin Platz für bis zu 56 Kampfflugzeuge — hauptsächlich Typen der Marke MiG-21 und später auch Jastreb-Jets. Die Anlage war so konzipiert, dass Flugzeuge durch den Berg hindurchfahren, an einem Ende starten und am anderen landen konnten. Vier Tunnelausgänge, zwei Startbahnen — eine auf bosnischem, eine auf kroatischem Territorium.

Der Komplex war vollständig autark: eigene Stromversorgung, eigene Wasserversorgung, Krankenstation, Munitionsdepots, Mannschaftsunterkünfte. Bei einem Angriff hätte die Besatzung theoretisch Wochen überleben können, ohne die schützenden Felsen zu verlassen. Gebaut wurde mit Zwangsarbeit — Häftlinge und Soldaten schufteten jahrelang im Untergrund, ohne dass die Außenwelt davon erfuhr.

Operativer Betrieb: Geheimhaltung als Staatsräson

Željava war bis zu ihrem Ende offiziell geheim. Auf jugoslawischen Landkarten tauchte sie nicht auf. Wer in Bihać wohnte und den Lärm der startenden Militärjets hörte, wusste zwar, dass da oben etwas war — aber was genau, blieb hinter Stacheldraht und Schweigepflicht verborgen.

Die Basis wurde von der Jugoslovensko ratno vazduhoplovstvo (JRV), der jugoslawischen Luftwaffe, betrieben und war Teil des 5. Luftwaffenkorps. Zu Hochzeiten waren hier mehrere Hundert Soldaten stationiert. Die Anlage hatte eine eigene Infrastruktur für zivile Mitarbeiter, Familien der Offiziere lebten in nahegelegenen Siedlungen.

Interessant aus kunsthistorischer Perspektive: Die Architektur des oberirdischen Teils — Verwaltungsgebäude, Offiziersmesse, Kasernen — folgt dem typischen jugoslawischen Brutalismus der 1950er und 60er Jahre. Schwere Betonblöcke, funktionale Strenge, gelegentlich aufgelockert durch sozialistisch-realistische Wandmosaike, von denen heute noch Fragmente erhalten sind. Wer die Ästhetik des Tjentište-Denkmals im Sutjeska-Nationalpark kennt, wird Ähnlichkeiten erkennen — dieselbe Epoche, dieselbe Ideologie in Stein gegossen.

Die Sprengung 1992: Ein Erdbeben als Abschiedsgruß

Als Jugoslawien auseinanderbrach und der Krieg begann, stand die JNA vor einem Problem: Željava lag auf dem Territorium zweier sich voneinander lösender Republiken. Die Basis konnte nicht gehalten werden — also sollte sie niemand anderes bekommen.

Am 16. Mai 1992 sprengten abziehende JNA-Einheiten die Anlage. Es war eine der größten kontrollierten Sprengungen in der europäischen Nachkriegsgeschichte. Schätzungen zufolge wurden rund 56 Tonnen Sprengstoff gezündet — verteilt auf die Tunnelausgänge, die Hangars, die Infrastruktur. Die Detonation war so mächtig, dass Häuser in Bihać zerstört wurden, Fensterscheiben in einem Radius von mehreren Kilometern barsten und seismische Stationen in ganz Europa Ausschläge registrierten. Zeitzeugen in Bihać beschreiben den Moment als apokalyptisch — ein Dröhnen, das nicht aufhörte, eine Wolke aus Staub und Rauch, die den Himmel verdunkelte.

Gekostet hatte die Sprengung selbst — nach damaligen Schätzungen — rund 300 Millionen US-Dollar. Ein letzter, grotesker Akt in der Geschichte eines Landes, das sich selbst zerstörte.

Željava heute: Lost Place, Mahnmal, Grenzraum

Heute ist die Airbase ein Ort, der zwischen zwei Staaten liegt und keinem richtig gehört. Der bosnische Teil fällt unter die Verwaltung der Gemeinde Bihać, der kroatische Teil unter die Gespanschaft Lika-Senj. Offizielle Zuständigkeiten sind diffus, Restaurierungspläne wurden diskutiert und wieder verworfen.

Was geblieben ist: monumentale Ruinen. Die gesprengten Tunnelausgänge klaffen wie Wunden in den Fels. Betontrümmer in einer Größe, die man sich kaum vorstellen kann — manche Blöcke wiegen Hunderte Tonnen und wurden durch die Explosionsenergie Dutzende Meter weit geschleudert. Dazwischen wächst langsam die Natur zurück: Birken zwischen Beton, Gras durch Asphalt, Schwalben in den verbliebenen Hohlräumen.

Ein Teil der Tunnelsysteme ist noch begehbar — mit Vorsicht. Ich war 2023 erneut dort, diesmal mit einem lokalen Guide aus Bihać, der die Anlage seit Jahren dokumentiert. Er zeigte mir Räume, die ich alleine nie gefunden hätte: eine ehemalige Werkstatt mit noch erkennbaren Werkzeughalterungen an den Wänden, einen Korridor, in dem die Farbe der Notbeleuchtungskästen noch nicht ganz verblasst ist, ein Schaltpanel, das aussieht, als hätte man es gestern verlassen.

„Jugoslawien hat hier seinen größten Traum begraben und dann selbst gesprengt", sagte mein Guide Damir, als wir vor einem der eingestürzten Tunnelausgänge standen. „Das ist kein Lost Place. Das ist ein Spiegel."

Auf dem Gelände findet sich auch eine der längsten Landebahnen des ehemaligen Jugoslawiens — 3.500 Meter lang, heute teilweise von Vegetation überwuchert, aber noch in weiten Teilen erkennbar. An manchen Stellen überquert man dabei die Staatsgrenze, ohne es zu merken — ein surreales Gefühl.

Minen und Sicherheit: Das unterschätzte Risiko

Hier muss ich direkt und unmissverständlich sein: Das Gelände rund um Željava ist nicht vollständig entmint. Bosnien-Herzegowina gehört zu den am stärksten minenverseuchten Ländern Europas, und das Militärgelände um Bihać und Plješevica ist keine Ausnahme. Die bosnische Minenräumungsagentur BHMAC (Bosnia and Herzegovina Mine Action Centre) führt die Region als Risikogebiet.

Das bedeutet konkret: Verlasse niemals die befestigten Wege und markierten Bereiche. Gehe nicht in Gebüsch, nicht in Gras abseits der Pfade, nicht in nicht dokumentierte Tunnelabschnitte. Die Sprengung von 1992 hat zudem statisch instabile Strukturen hinterlassen — einstürzende Betondecken sind ein reales Risiko in den Tunneln.

Mein dringender Rat: Besuche Željava nur mit einem ortskundigen Guide aus Bihać, der die aktuellen Sicherheitslagen kennt. Alleinbesuche ohne lokale Expertise sind fahrlässig.

Praktische Informationen für den Besuch

Information Details (Stand 2026, vor Reise prüfen)
Lage Berg Plješevica, Grenze BiH/Kroatien, ca. 15 km südlich von Bihać
GPS (Hauptzugang) ca. 44.758° N, 15.783° O (vor Ort orientieren, da Zufahrten wechseln)
Eintritt Kein offizieller Eintritt, kein Ticketing-System (Stand 2025)
Anreise Auto ab Bihać (ca. 20–25 min), keine ÖPNV-Verbindung
Beste Zeit April–Oktober; im Winter Schnee und Eis machen Zufahrten gefährlich
Dauer 2–4 Stunden für Außengelände; mit Tunnelführung bis zu einem halben Tag
Guide Dringend empfohlen — Tourismusbüro Bihać vermittelt lokale Guides
Ausrüstung Festes Schuhwerk, Taschenlampe, Helm (in Tunneln), Wasser
Sicherheit Minen-Risikogebiet! Niemals Wege verlassen. BHMAC-Karten konsultieren.
Kombination NP Una (Štrbački Buk, 30 km), Stadt Bihać (Festung Sokolac, Altstadt)

Željava im Kontext: Dark Tourism mit Würde

Ich schreibe seit Jahren über Orte, an denen Geschichte sichtbar in den Stein gebrannt ist — über die Sarajevo-Rosen im Asphalt, über die Olympia-Bobbahn auf dem Trebević, über Srebrenica. Željava gehört in diese Kategorie, aber sie funktioniert anders. Sie ist kein Ort des Gedenkens an menschliche Opfer im unmittelbaren Sinne — sie ist ein Ort, der die Absurdität des Kalten Krieges materialisiert. Milliarden ausgegeben, um einen Berg auszuhöhlen. Und dann alles selbst gesprengt.

Das macht Željava zu einem seltsam unpolitischen Mahnmal — oder vielleicht zum politischsten überhaupt. Wer durch die Trümmer geht, denkt unwillkürlich über Ressourcenverschwendung nach, über militärische Logik, über das Ende von Systemen, die sich selbst für unzerstörbar hielten.

Fotografen kommen wegen der Ästhetik — und die ist tatsächlich außergewöhnlich. Das Licht in den Tunneleingängen, die Kontraste zwischen Beton und Vegetation, die Spuren menschlicher Präsenz in verlassenen Räumen. Aber wer nur für das Foto kommt und sich nicht mit der Geschichte auseinandersetzt, verpasst das Wesentliche.

Verhält euch respektvoll. Nehmt nichts mit. Lasst keine Spuren. Und sprecht mit den Menschen in Bihać — sie haben eigene Erinnerungen an die Basis, an die Sprengung, an den Krieg, der danach kam.

Mein Fazit nach mehreren Besuchen

Željava ist kein einfacher Ausflug. Es ist kein Ort, an dem man entspannt durch eine Ausstellung flaniert. Es ist ein Ort, der Fragen stellt und keine bequemen Antworten liefert. Warum baut man einen Flughafen in einen Berg? Warum sprengt man ihn lieber, als ihn aufzugeben? Was bleibt von einem System, das sich für ewig hielt?

Ich habe Željava mit Kunsthistorikern besucht, mit Kriegsveteranen, mit Studierenden und mit neugierigen Reisenden aus Deutschland, die zufällig in Bihać waren. Jedes Mal war die Reaktion dieselbe: Stille. Eine lange, nachdenkliche Stille vor den gesprengten Tunnelausgängen.

Das ist, glaube ich, der angemessene Umgang mit diesem Ort. Nicht Sensation, nicht Instagram-Kulisse — sondern Stille und die Bereitschaft, sich von Geschichte erschüttern zu lassen.

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