Die Belagerung von Sarajevo — für Reisende erklärt

1.425 Tage unter Beschuss: Was Besucher heute noch sehen, spüren und verstehen müssen

Autor: Selma Jusufović

Was war die Belagerung von Sarajevo? Die wichtigsten Fakten

Die Belagerung von Sarajevo war die längste Belagerung einer Hauptstadt in der Geschichte moderner Kriegsführung. Sie begann am 5. April 1992, als Einheiten der Armee der Republika Srpska (VRS) unter General Ratko Mladić die Stadt von den umliegenden Hügeln aus einkesselten. Sie endete offiziell am 29. Februar 1996 mit dem Rückzug der Belagerungstruppen im Rahmen des Dayton-Abkommens.

Die Zahlen sind nüchtern und erschütternd zugleich:

  • 1.425 Tage Belagerung — 44 Monate
  • Rund 13.952 Menschen getötet, darunter 5.434 Zivilisten (Schätzungen des ICTY)
  • Über 50.000 Verletzte
  • Täglich durchschnittlich 329 Granateneinschläge, an besonders intensiven Tagen über 3.000
  • Die Bevölkerung der Stadt sank von rund 525.000 auf etwa 300.000 Menschen

Ich war damals ein Kind. Ich erinnere mich an Fenster, die mit Plastikfolie abgedeckt waren, weil Glas zu gefährlich war. An die Stille nach einem Einschlag. An das Geräusch, das man heute nicht mehr beschreiben kann, ohne dass sich etwas im Körper zusammenzieht. Das sage ich nicht, um Mitleid zu wecken — sondern damit du verstehst, warum diese Stadt nicht einfach ein historisches Schaustück ist. Sie ist ein lebendiger Organismus mit Narben.

Der historische Kontext: Warum begann die Belagerung?

Um die Belagerung zu verstehen, musst du den Zerfall Jugoslawiens kennen. Nach dem Tod Titos 1980 und dem wirtschaftlichen Niedergang der 1980er Jahre verschärften sich die ethnischen Spannungen. Als Slowenien und Kroatien 1991 ihre Unabhängigkeit erklärten, stand Bosnien-Herzegowina vor einer unlösbaren Frage: In welchem Staat wollten Bosniaken, Serben und Kroaten gemeinsam — oder getrennt — leben?

Am 29. Februar / 1. März 1992 stimmten die Bosniaken und bosnischen Kroaten in einem Referendum für die Unabhängigkeit. Die bosnischen Serben boykottierten die Abstimmung. Radovan Karadžić, Führer der Serbischen Demokratischen Partei (SDS), hatte bereits gewarnt: Eine Unabhängigkeitserklärung würde Sarajevo in den Krieg führen. Wenige Wochen später war genau das Realität.

Die VRS-Einheiten bezogen Stellungen auf dem Trebević, dem Ozren, dem Igman und dem Bjelašnica — denselben Bergen, auf denen zwei Jahre zuvor die Olympischen Winterspiele 1984 stattgefunden hatten. Die Ironie dieser Tatsache ist bis heute schwer zu ertragen.

Das Leben unter Beschuss — was Sarajevo durchmachte

Scharfschützen kontrollierten die Hauptstraßen. Die Ulica Zmaja od Bosne — heute eine belebte Geschäftsstraße — wurde im Volksmund „Sniper Alley" genannt. Menschen rannten über Kreuzungen. Kinder wurden in Schulbussen mit Sandsäcken geschützt. Wasser, Strom und Gas fielen monatelang aus. Im Winter 1992/93 heizten die Bewohner mit allem, was brannte — Möbel, Parkett, Bücher.

Die Versorgung der Stadt lief über zwei Wege: den Tunnel der Hoffnung (Tunel spasa) unter dem Flughafen hindurch, der ab Juli 1993 in Betrieb war, und — in begrenztem Maße — über den durch die UN kontrollierten Flughafen. Der Tunnel, gerade einmal 800 Meter lang, 1,6 Meter hoch und 1 Meter breit, wurde zur Lebensader der Stadt. Täglich passierten ihn Hunderte von Menschen, Lebensmittel, Waffen und Medikamente.

„Der Tunnel war nicht nur ein Versorgungsweg. Er war das Symbol dafür, dass Sarajevo nicht aufgegeben hatte." — Kemal Kurspahić, Chefredakteur der Oslobođenje während der Belagerung

Besonders traumatisch waren die Angriffe auf zivile Versammlungsorte. Am 5. Februar 1994 schlug eine Granate auf dem Markale-Markt ein — 68 Menschen starben, über 140 wurden verletzt. Es war einer der schlimmsten Einzelmomente der gesamten Belagerung. Ein zweiter Angriff auf denselben Markt folgte am 28. August 1995 und tötete 43 Menschen.

Die Orte der Erinnerung — was du in Sarajevo heute besuchen kannst

Sarajevo hat keine Scheu, seine Geschichte zu zeigen. Das ist keine Morbidität — das ist Würde. Hier sind die wichtigsten Orte, die ich jedem empfehle, der die Stadt wirklich verstehen will:

Tunnel der Hoffnung (Tunel spasa)

Der Eingang zum Tunnel liegt im Stadteil Butmir, etwa 6 km vom Stadtzentrum entfernt. Das Haus der Familie Kolar, unter dem der Tunnel gebaut wurde, ist heute ein Museum. Du kannst einen etwa 25 Meter langen erhaltenen Abschnitt des Tunnels selbst betreten — tief gebückt, im Halbdunkel, mit dem Gewicht der Geschichte über dir. Kein Exponat ersetzt dieses körperliche Erlebnis.

  • Adresse: Tuneli 1, Butmir, Sarajevo
  • Öffnungszeiten: täglich 9:00–17:00 Uhr (Winter kürzer)
  • Eintritt: ca. 10 KM (ca. 5 €)
  • Anfahrt: Taxi ca. 10–12 € vom Zentrum, oder geführte Tour ab 25 € (GetYourGuide)

Galerija 11/07/95

Technisch gesehen ist die Galerija 11/07/95 kein Belagerungs-Museum — sie dokumentiert das Massaker von Srebrenica vom Juli 1995. Aber sie gehört untrennbar zum Verständnis dessen, was der Krieg in Bosnien bedeutete. Die Fotografien von Tarik Samarah und die Videoinstallationen sind von einer Intensität, die ich nach Dutzenden von Besuchen immer noch kaum ertragen kann. Geh hin. Nimm dir Zeit.

  • Adresse: Trg Fra Grge Martića 2/II, Sarajevo
  • Öffnungszeiten: Mo–Fr 10:00–18:00, Sa 10:00–15:00
  • Eintritt: 5 KM

Markale-Markt und die Rosen von Sarajevo

Auf dem Pflaster der Altstadt und der Fußgängerzonen findest du die sogenannten Sarajevo Rosen — mit rotem Harz ausgefüllte Granatsplitterlöcher im Asphalt. Sie markieren Orte, an denen Menschen starben. Heute laufen Touristen oft achtlos darüber hinweg. Ich bitte dich: Schau nach unten. Der Markale-Markt selbst ist wieder ein lebendiger Lebensmittelmarkt — und genau das ist die stärkste Aussage der Stadt.

Kriegsfotografie-Ausstellungen und das Historische Museum

Das Historische Museum von Bosnien-Herzegowina (Historijski muzej BiH) an der Zmaja od Bosne beherbergt eine Dauerausstellung über das Leben während der Belagerung. Das Gebäude selbst trägt noch Einschusslöcher — absichtlich nicht restauriert. Die Ausstellung „Sarajevo unter Belagerung" zeigt Alltagsgegenstände, Dokumente und Fotografien, die das Überleben in der eingeschlossenen Stadt dokumentieren.

  • Adresse: Zmaja od Bosne 5, Sarajevo
  • Öffnungszeiten: Mo–Fr 9:00–17:00, Sa 10:00–14:00
  • Eintritt: 5 KM

Kovači-Friedhof und Friedhof Lav

Auf dem Kovači-Friedhof in der Altstadt liegen Opfer der Belagerung begraben — darunter der erste Präsident Bosniens, Alija Izetbegović. Die weißen Grabsteine, dicht an dicht, sprechen eine eigene Sprache. Der Friedhof Lav im Stadtteil Kovačići ist noch eindrücklicher: Tausende weiße Grabsteine auf einem Hügel, alle mit denselben Jahreszahlen — 1992, 1993, 1994, 1995.

Wie du die Belagerung auf eigene Faust oder mit Guide erlebst

Es gibt zwei Wege, sich der Geschichte anzunähern — und ich empfehle ehrlich gesagt beide zu kombinieren.

Die geführte Kriegstour mit einem Veteranen (ab ca. 39 € über GetYourGuide, Bewertung 4,9 bei über 600 Rezensionen) ist eine der intensivsten Erfahrungen, die Sarajevo bieten kann. Wenn dein Guide selbst als Kind die Belagerung erlebt hat oder als Soldat dabei war, verändert das die Art, wie du die Stadt siehst, fundamental. Diese Touren sind kein Kriegs-Entertainment — sie sind gelebte Oral History.

Wer lieber allein geht: Die Sarajevo War Tunnel Route lässt sich gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder Taxi kombinieren. Plane für Tunnel, Historisches Museum und Galerija 11/07/95 mindestens einen vollen Tag ein. Nicht aus Zeitdruck, sondern weil du nach der Galerija 11/07/95 wahrscheinlich eine Pause brauchst.

Was bleibt: Sarajevo heute — zwischen Erinnerung und Aufbruch

Ich laufe fast täglich durch die Baščaršija. Ich trinke meinen Kaffee im Café Tito, ich kaufe Brot beim Bäcker um die Ecke, ich höre Sevdah aus irgendeinem offenen Fenster. Sarajevo ist eine Stadt, die lebt — laut, neugierig, manchmal chaotisch, immer herzlich.

Aber es wäre falsch zu sagen, die Belagerung sei „überwunden". Sie ist eingebaut in die Psyche dieser Stadt, in die Art, wie Menschen über Nachbarschaft sprechen, über Vertrauen, über die Zukunft. Die Wunden auf dem Asphalt — die Sarajevo Rosen — werden allmählich weniger, weil Straßen erneuert werden. Manche finden das gut. Andere trauern um jedes verschwundene Zeichen.

Was mich als Sarajeverin immer wieder bewegt: Die Stadt hat sich entschieden, keine Festung der Trauer zu sein. Das Sarajevo Film Festival, das ich seit zwölf Jahren journalistisch begleite, findet jeden August statt — und es ist das größte Filmfestival Südosteuropas. Es wurde 1995, mitten in der Belagerung, gegründet. Das sagt alles.

Praktische Informationen für deinen Besuch

Ort Eintritt Dauer empfohlen Hinweis
Tunnel der Hoffnung ca. 5 € 1–1,5 Stunden Taxi ab Zentrum ~10 €
Galerija 11/07/95 ca. 2,50 € 1–2 Stunden Emotional sehr intensiv
Historisches Museum ca. 2,50 € 1 Stunde Einschusslöcher am Gebäude
Kriegstour mit Veteran ab 39 € 3–4 Stunden GetYourGuide, 4,9 Sterne
Kovači-Friedhof frei 30–45 Min. Respektvolle Kleidung

Beste Reisezeit: Das Thema ist ganzjährig relevant. Im Sommer (Juni–August) ist Sarajevo lebhaft, das Sarajevo Film Festival findet im August statt. Im Herbst (September–Oktober) ist die Stadt ruhiger und besonders atmosphärisch. Für intensive Gedenkbesuche empfehle ich bewusst die Nebensaison — weniger Touristenstrom, mehr Raum zum Nachdenken.

Unterkunft: Hotels mit Geschichte im Stadtzentrum, etwa rund um die Baščaršija oder Marindvor, bringen dich zu Fuß zu den meisten Erinnerungsorten. Preise für gute Mittelklasse-Hotels: 35–75 € pro Nacht.

Sprache: Englisch wird in touristischen Bereichen gut gesprochen. Für tiefere Gespräche über die Kriegszeit hilft ein Guide enorm — nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell.

FAQ — Häufige Fragen zur Belagerung von Sarajevo

Wie lange dauerte die Belagerung von Sarajevo?

Die Belagerung dauerte 1.425 Tage — vom 5. April 1992 bis zum 29. Februar 1996. Sie ist damit die längste Belagerung einer Hauptstadt in der Geschichte der modernen Kriegsführung, länger als die Belagerung Leningrads (872 Tage) im Zweiten Weltkrieg.

Wer hat Sarajevo belagert?

Die Belagerung wurde von Einheiten der Armee der Republika Srpska (VRS) unter dem Kommando von General Ratko Mladić durchgeführt. Mladić wurde 2017 vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) wegen Völkermordes und Kriegsverbrechen zu lebenslanger Haft verurteilt.

Wie viele Menschen starben während der Belagerung?

Nach Schätzungen des ICTY und bosnischer Forschungsinstitute wurden rund 13.952 Menschen getötet, darunter mindestens 5.434 Zivilisten. Über 50.000 Menschen wurden verletzt.

Kann man heute noch Spuren der Belagerung in Sarajevo sehen?

Ja. Die sogenannten Sarajevo Rosen — mit rotem Harz ausgefüllte Granatsplitterlöcher im Pflaster — sind über die ganze Stadt verteilt. Einschusslöcher an Gebäuden, der Tunnel der Hoffnung, das Historische Museum und der Friedhof Lav sind die sichtbarsten Zeugnisse.

Ist es respektvoll, eine Kriegstour in Sarajevo zu buchen?

Ja — wenn sie von seriösen Guides durchgeführt wird, die selbst aus Sarajevo stammen. Die Kriegstouren mit Veteranen oder Zeitzeugen sind in Sarajevo etabliert und werden von der lokalen Bevölkerung mehrheitlich als wichtige Form der Erinnerungsarbeit gesehen. Wichtig: kein Voyeurismus, echtes Interesse mitbringen.

Wie ist das Verhältnis der Sarajevoer zur Kriegsvergangenheit heute?

Komplex und sehr individuell. Viele Menschen sprechen offen über die Belagerung — aber auf Einladung, nicht auf Nachfrage von Fremden. Bring echtes Interesse mit, nicht Neugier. Und wenn jemand nicht reden möchte: Das ist sein gutes Recht.

Weiterführende Quelle: Internationaler Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) — umfangreiche Dokumentation der Kriegsverbrechen und Urteile.

Mein Fazit — als jemand, der dabei war

Ich schreibe seit zwölf Jahren über Kultur, Film und Kunst in Sarajevo. Ich habe 2021 den Press Award des Sarajevo Film Festivals erhalten. Ich habe Ausstellungen kuratiert, Artikel in der FAZ veröffentlicht, Hunderte von Gesprächen mit Künstlern, Filmemachern und Intellektuellen dieser Stadt geführt. Und doch: Kein Artikel, den ich je geschrieben habe, fühlt sich so schwer an wie dieser.

Die Belagerung von Sarajevo ist nicht „Geschichte" im Sinne von etwas Abgeschlossenem. Sie ist der Hintergrund, vor dem diese Stadt jeden Tag lebt. Wenn du Sarajevo besucht, geh mit dieser Haltung: Du bist nicht in einem Museum. Du bist in einer Stadt, deren Bewohner dieses Kapitel selbst erlebt haben — oder von Eltern und Großeltern gehört haben, die es erlebt haben.

Bring Neugier mit. Bring Respekt. Und bring Zeit — für die Orte, aber auch für die Gespräche, die sich ergeben, wenn du langsam genug durch die Baščaršija gehst und jemanden fragst, wie er die Stadt sieht. Das ist die eigentliche Reise.

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