Das jüdische Sarajevo — 500 Jahre Geschichte

Sephardische Wurzeln, osmanischer Schutz und ein Erbe, das bis heute lebt

Autor: Selma Jusufović

Warum Sarajevo eine jüdische Stadt ist — und es immer war

Es gibt einen Moment, der mir jedes Mal, wenn ich durch die Baščaršija laufe, bewusst wird: Auf weniger als zweihundert Metern stehen eine Moschee, eine orthodoxe Kirche, eine katholische Kathedrale — und nur wenige Gehminuten entfernt die alte Aschkenasische Synagoge, heute Sitz des jüdischen Kulturzentrums. Sarajevo wird gern als "Jerusalem des Balkans" bezeichnet. Das klingt nach Tourismusprospekt. Ist es aber nicht. Es ist eine historische Tatsache.

Ich lebe seit meiner Kindheit in dieser Stadt. Ich habe das jüdische Sarajevo nicht als Touristin entdeckt, sondern als Sarajeverin, die langsam begreift, wie tief diese Geschichte in den Steinen der Stadt steckt. Und je mehr ich verstehe, desto mehr beeindruckt mich, was hier entstanden ist — und was davon noch heute existiert.

1492 — Die Ankunft der Sephardim unter osmanischem Schutz

Die Geschichte beginnt mit einer Vertreibung. Im Jahr 1492 unterzeichneten die spanischen Könige Isabella I. und Ferdinand II. das Alhambra-Edikt: Alle Juden, die nicht zum Christentum konvertierten, mussten Spanien verlassen. Hunderttausende Menschen wurden entwurzelt. Ein großer Teil floh ins Osmanische Reich — und damit auch nach Bosnien, das seit 1463 unter osmanischer Herrschaft stand.

Sultan Bayezid II. soll auf die Nachricht von der Vertreibung gesagt haben, Ferdinand habe sein eigenes Land verarmt, indem er die Juden vertrieben habe. Ob der Satz wirklich so gefallen ist, lässt sich nicht belegen. Aber die Politik dahinter war real: Das Osmanische Reich gewährte den Sephardim — den spanischen Juden — offiziellen Schutz als Dhimmi, als Schutzbefohlene mit eigenen Rechten und eigenem Rechtssystem.

In Sarajevo ließen sich die ersten jüdischen Familien um 1541 nieder, als die Stadt unter dem Gouverneur Gazi Husrev-beg zu einem bedeutenden Handelszentrum aufstieg. Das Jevrejska ulica — die Jüdische Gasse — im Herzen der Baščaršija ist noch heute auf den Stadtplänen verzeichnet. Hier entstand das erste jüdische Viertel der Stadt, mit Synagoge, Schule und Friedhof.

Das Sarajevo-Haggada — das berühmteste jüdische Buch Europas

Wenn ich Gästen aus Deutschland erkläre, was das jüdische Sarajevo für die Weltkultur bedeutet, beginne ich immer mit einem Buch. Dem Buch, das die meisten noch nie gehört haben — und das zu den wertvollsten jüdischen Handschriften der Welt gehört.

Die Sarajevo-Haggada wurde um 1350 in Barcelona illuminiert. Sie ist eines der ältesten und prachtvollsten illustrierten Pessach-Bücher, das je geschaffen wurde. 34 ganzseitige Miniaturen zeigen biblische Szenen in leuchtenden Farben — Gold, Ultramarin, Zinnober. Als die Sephardim Spanien verließen, nahmen sie die Haggada mit. Sie gelangte nach Sarajevo, wo sie 1894 von einem armen jüdischen Schüler namens Josef Cohen dem Bosnischen Landesmuseum verkauft wurde.

Seitdem hat das Buch mehrere Katastrophen überlebt. Im Zweiten Weltkrieg versteckte es der muslimische Museumsdirektor Derviš Korkut vor den Nazis — eine Geschichte, die selbst wie ein Roman klingt. Während der Belagerung Sarajevos von 1992 bis 1995 wurde die Haggada in einem Banktresor gesichert und überstand den längsten Stadtsieg der modernen Geschichte unbeschadet.

Heute ist sie im Nationalmuseum Bosnien und Herzegowina (Zemaljski Muzej, Zmaja od Bosne 3) ausgestellt — hinter Panzerglas, mit Klimaanlage und Sicherheitspersonal. Der Eintritt kostet 10 KM (ca. 5 Euro). Ich empfehle, sich Zeit zu nehmen: Das Buch selbst ist klein, aber die Geschichte dahinter füllt Stunden.

„Die Haggada ist nicht nur ein jüdisches Buch. Sie ist ein Sarajevo-Buch. Sie hat dieselbe Geschichte wie die Stadt: Vertreibung, Ankunft, Überleben, Widerstand." — Eli Tauber, Historiker und Direktor des Jüdischen Kulturzentrums Sarajevo

Das jüdische Viertel und seine Synagogen

Sarajevo hatte in seiner Blütezeit mehrere Synagogen. Die wichtigste war die Große Synagoge (Velika Sinagoga), erbaut 1581 im Stil osmanischer Sakralarchitektur — ein Beleg dafür, wie tief die sephardische Gemeinde in die städtische Baukultur integriert war. Sie brannte 1879 nieder und wurde 1902 durch einen Neubau ersetzt, der heute als Kulturzentrum und Konzerthalle genutzt wird.

Die Alte Synagoge (Il Kal Grandi) in der Mula Mustafe Bašeskije steht noch und beherbergt heute das Jüdische Museum Sarajevo — eines der wenigen jüdischen Museen auf dem Balkan, das sich explizit der sephardischen Geschichte widmet. Die Sammlung umfasst Ritualgegenstände, Dokumente, Fotografien und persönliche Objekte aus fünf Jahrhunderten. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 10–18 Uhr, Samstag 10–13 Uhr. Eintritt: 5 KM.

Was mich bei meinem letzten Besuch 2024 besonders bewegt hat: Die Ausstellung zeigt auch Dokumente aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, als die deutschen Besatzer und das ustascha-Regime die jüdische Gemeinde Sarajevos nahezu vollständig vernichteten. Von etwa 12.000 Juden, die 1941 in Bosnien lebten, überlebten weniger als 4.000 den Holocaust.

Praktische Informationen: Jüdische Orte in Sarajevo

OrtAdresseÖffnungszeitenEintritt
Nationalmuseum (Haggada)Zmaja od Bosne 3Di–Fr 10–17, Sa–So 10–14 Uhr10 KM / ~5 €
Jüdisches Museum (Alte Synagoge)Mula Mustafe Bašeskije 40Mo–Fr 10–18, Sa 10–13 Uhr5 KM / ~2,50 €
Jüdischer Friedhof KovačiHang oberhalb BaščaršijaJederzeit zugänglichFrei
Jüdisches Kulturzentrum La BenevolencijaHamdije Kreševljakovića 59Mo–Fr 9–17 UhrFrei

Der jüdische Friedhof — ein stiller Zeuge auf dem Hügel

Wer Sarajevo wirklich verstehen will, sollte auf den Jüdischen Friedhof Kovači steigen. Er liegt am Hang oberhalb der Altstadt, zwischen dem muslimischen Märtyrerfriedhof und dem orthodoxen Gräberfeld — und diese Nachbarschaft ist kein Zufall, sondern Stadtgeschichte.

Der Friedhof wurde im 16. Jahrhundert angelegt und ist einer der ältesten erhaltenen sephardischen Friedhöfe Europas. Die Grabsteine tragen hebräische und ladinische Inschriften — Ladino ist die judeo-spanische Sprache, die die sephardischen Juden aus Spanien mitbrachten und die in Sarajevo bis ins 20. Jahrhundert gesprochen wurde. Einige Steine sind so verwittert, dass die Schrift kaum noch lesbar ist. Andere wurden während der Belagerung 1992–95 von serbischen Truppen als Deckung genutzt und tragen heute Einschusslöcher.

Ich war zuletzt im Herbst 2023 dort, an einem Dienstagvormittag, vollkommen allein. Der Blick über die Stadt ist von hier oben außergewöhnlich — die Minarette, die Kirchentürme, die Hochhäuser aus der Tito-Ära, alles auf einmal. Und dazwischen diese alten Steine, die älter sind als fast alles, was man von hier aus sieht.

Die Gemeinde heute — klein, aber lebendig

Nach dem Holocaust und dem Exodus nach Israel und in den Westen nach 1945 ist die jüdische Gemeinde Sarajevos heute sehr klein. Schätzungen gehen von etwa 500 bis 1.000 Menschen aus, die sich zur jüdischen Gemeinde zählen. Das ist ein Bruchteil der einstigen Bevölkerung. Und doch: Die Gemeinde existiert.

Die Organisation La Benevolencija — 1892 gegründet als jüdische humanitäre Gesellschaft — ist bis heute aktiv. Während der Belagerung Sarajevos organisierte La Benevolencija Medikamenten- und Lebensmitteltransporte für alle Bewohner der Stadt, unabhängig von Religion oder Ethnizität. Diese Haltung ist kein Zufall: Sie spiegelt eine jahrhundertealte Tradition des Zusammenlebens wider.

Jedes Jahr im April findet in Sarajevo ein kleines, aber bedeutsames Kulturprogramm zum Yom HaShoah (Holocaust-Gedenktag) statt — mit Gedenkveranstaltungen, Konzerten und Ausstellungen, die auch für nicht-jüdische Sarajevaner offen sind. Ich habe mehrfach daran teilgenommen. Es ist jedes Mal ein ruhiges, würdiges Ereignis — ohne Pathos, aber mit echter Trauer.

Sarajevo und der Zweite Weltkrieg — eine Geschichte, die nicht verschwiegen werden darf

Es wäre unehrlich, über das jüdische Sarajevo zu schreiben, ohne die Jahre 1941 bis 1945 klar zu benennen. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht und der Errichtung des faschistischen Ustascha-Regimes in Kroatien und Bosnien begann die systematische Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung.

Sarajevos Juden wurden deportiert — in die Vernichtungslager Jasenovac (das größte KZ auf dem Territorium des ehemaligen Jugoslawien), nach Auschwitz und in andere Lager. Die Synagogen wurden geschändet, das jüdische Viertel geplündert. Von der blühenden Gemeinde, die über vier Jahrhunderte gewachsen war, blieb nach dem Krieg ein Schatten.

Was in dieser Zeit auch geschah — und was ich für genauso wichtig halte: Viele muslimische Sarajevaner versteckten jüdische Nachbarn, halfen bei der Flucht, riskierten ihr Leben. Derviš Korkut, der die Haggada rettete, versteckte auch eine junge jüdische Frau namens Mira Papo in seinem Haus. Er wurde 1994 postum von Yad Vashem als "Gerechter unter den Völkern" anerkannt.

Was du beim Besuch wissen solltest — meine persönlichen Empfehlungen

Ich habe im Laufe der Jahre viele Menschen durch das jüdische Sarajevo geführt — Journalisten, Akademiker, neugierige Reisende. Hier sind die Dinge, die ich immer weitergebe:

  • Plane mindestens einen halben Tag ein. Das Jüdische Museum, das Nationalmuseum mit der Haggada und der Friedhof Kovači ergeben zusammen eine Route von etwa vier Stunden — wenn du dir Zeit nimmst.
  • Kombiniere den Friedhof mit dem Aussichtspunkt. Der Aufstieg von der Baščaršija zum jüdischen Friedhof führt auch am muslimischen Märtyrerfriedhof Kovači vorbei, wo Alija Izetbegović begraben liegt. Der Blick über die Stadt ist von hier unvergleichlich.
  • Lies die Haggada-Geschichte vorher. Geraldine Brooks' Roman Das Buch der Spiegel (engl. People of the Book) erzählt die Geschichte der Haggada als Fiktion — aber so gut recherchiert, dass ich ihn als Vorbereitung jedem empfehle.
  • Respektiere die Stille auf dem Friedhof. Es ist kein Touristenort. Es ist ein aktiver Gedenkort. Entsprechend verhalten.
  • Frag nach Führungen bei La Benevolencija. Das Kulturzentrum bietet gelegentlich geführte Touren durch das jüdische Sarajevo an — auf Englisch, manchmal auch auf Deutsch. Anfragen lohnt sich.

FAQ — Häufige Fragen zum jüdischen Sarajevo

Wo kann ich die Sarajevo-Haggada sehen?

Die Sarajevo-Haggada ist im Nationalmuseum Bosnien und Herzegowina ausgestellt (Zmaja od Bosne 3, Sarajevo). Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10–17 Uhr, Samstag und Sonntag 10–14 Uhr. Eintritt: 10 KM (ca. 5 Euro). Das Buch liegt hinter Panzerglas in einem klimatisierten Raum im Erdgeschoss.

Gibt es noch eine aktive jüdische Gemeinde in Sarajevo?

Ja. Die jüdische Gemeinde Sarajevos umfasst heute schätzungsweise 500 bis 1.000 Mitglieder. Die Organisation La Benevolencija (gegr. 1892) ist aktiv und organisiert Kulturveranstaltungen, Gedenkfeiern und soziale Projekte. Die Große Synagoge wird als Kulturzentrum genutzt.

Wann kamen die ersten Juden nach Sarajevo?

Die ersten sephardischen Juden — Vertriebene aus Spanien nach dem Alhambra-Edikt von 1492 — ließen sich um 1541 in Sarajevo nieder, als die Stadt unter dem osmanischen Gouverneur Gazi Husrev-beg zu einem Handelszentrum aufstieg.

Was ist Ladino und wird es in Sarajevo noch gesprochen?

Ladino (auch Judezmo) ist die judeo-spanische Sprache, die die sephardischen Juden aus Spanien mitbrachten. In Sarajevo wurde sie bis ins 20. Jahrhundert gesprochen. Heute ist sie in der kleinen verbliebenen Gemeinde kaum noch lebendig, wird aber als kulturelles Erbe dokumentiert und gepflegt.

Ist der jüdische Friedhof in Sarajevo öffentlich zugänglich?

Ja. Der jüdische Friedhof Kovači am Hang oberhalb der Baščaršija ist frei zugänglich. Er ist einer der ältesten erhaltenen sephardischen Friedhöfe Europas. Der Besuch ist kostenlos; respektvolles Verhalten wird erwartet.

Wie war das Verhältnis zwischen der jüdischen und der muslimischen Bevölkerung Sarajevos historisch?

Historisch geprägt von Koexistenz und gegenseitigem Respekt. Unter osmanischer Herrschaft genossen die Juden als Dhimmi Schutz und Autonomie. Im Zweiten Weltkrieg versteckten viele muslimische Sarajevaner jüdische Nachbarn vor den Nazis — darunter Derviš Korkut, der die Haggada rettete und 1994 als "Gerechter unter den Völkern" anerkannt wurde.

Mein Fazit nach einem Leben in Sarajevo

Ich bin in dieser Stadt aufgewachsen. Ich kenne ihre Gerüche, ihre Geräusche, ihre Widersprüche. Und ich sage ohne Übertreibung: Das jüdische Sarajevo ist eines der am wenigsten bekannten und am meisten unterschätzten Kapitel der europäischen Kulturgeschichte.

500 Jahre sephardisches Leben in einer osmanischen, später habsburgischen, dann jugoslawischen und schließlich post-kriegerischen Stadt — das ist keine Randnotiz. Das ist europäische Geschichte in ihrer ganzen Komplexität. Die Haggada im Nationalmuseum ist nicht nur ein Kunstwerk. Sie ist ein Beweis dafür, dass Überleben möglich ist — wenn Menschen füreinander eintreten.

Wenn du das nächste Mal in Sarajevo bist und vor der Baščaršija stehst, geh nicht nur zur Moschee und zum Sebilj-Brunnen. Bieg links ab in die Mula Mustafe Bašeskije, steh vor der alten Synagoge, steig hinauf zum Friedhof auf dem Hang. Schau dir an, was hier war. Was hier ist. Was hier bleibt.

Das ist das jüdische Sarajevo. Und es lohnt jeden Schritt.

— Selma Jusufović, Sarajevo, 2025

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