Bosnischer Film: Tanović, Žbanić, Kusturica

Drei Regisseure, drei Weltbilder — was das Kino über Bosnien wirklich erzählt

Autor: Matthias Köhler

Drei Kameras, ein Land — und kein Konsens

Als ich im Herbst 2019 in Sarajevo an der Filmakademie einen Vortrag über osmanisches Erbe hielt, fragte mich ein Student nach der Pause: „Welcher Regisseur zeigt Bosnien eigentlich richtig?" Ich habe eine Weile geschwiegen. Nicht weil mir die Antwort fehlte, sondern weil die Frage selbst so bosnisch war: die Sehnsucht nach einer einzigen, gültigen Erzählung über ein Land, das aus mindestens drei konkurrierenden Erzählungen besteht.

Danis Tanović, Jasmila Žbanić und Emir Kusturica — das sind die drei Namen, die im Westen sofort fallen, wenn man über bosnisches Kino spricht. Alle drei haben internationale Höchstpreise gewonnen. Alle drei haben Bosnien in die Kinosäle von Paris, Berlin und New York gebracht. Und alle drei zeigen ein grundlegend anderes Land. Dieser Text ist kein klassischer Filmkritik-Vergleich. Er ist der Versuch eines Historikers, die Filme als Dokumente zu lesen — als Zeugnisse einer Gesellschaft, die noch immer ringt, sich selbst zu erklären.

Emir Kusturica: Das Balkan-Spektakel und seine politische Hypothek

Beginnen wir mit dem Unbequemsten. Emir Kusturica ist der bekannteste Filmemacher, den Bosnien je hervorgebracht hat — und zugleich der umstrittenste. Zwei Goldene Palmen in Cannes (Papa ist auf Dienstreise, 1985; Underground, 1995), ein Filmstil, der den Begriff „Balkan-Surrealismus" erst erfunden hat. Messing-Kapellen, Hochzeiten im Chaos, Schweine, die tanzen, Züge, die explodieren. Kusturica ist ein Genie der sensorischen Überwältigung.

Aber: Underground (1995), sein ambitioniertestes Werk, erschien mitten im Bosnienkrieg und wurde von Teilen der serbischen Kulturpropaganda als Bestätigung begrüßt. Der Film erzählt die jugoslawische Geschichte als tragisches Missverständnis, in dem alle Schuld tragen — eine moralische Äquidistanz, die viele bosnische Intellektuelle als Verharmlosung empfanden. Der französische Philosoph Alain Finkielkraut kritisierte den Film damals scharf; in Sarajevo selbst wurde er von vielen als Affront wahrgenommen.

Kusturica selbst hat sich in den folgenden Jahren zunehmend von seiner bosnisch-muslimischen Herkunft distanziert, konvertierte zur orthodoxen Kirche und erhielt die serbische Staatsbürgerschaft. Er baute das Dorf Drvengrad in Serbien, das wie eine Filmkulisse wirkt — und es ist auch eine. Das ist keine moralische Verurteilung, aber es ist ein Kontext, den man kennen muss, wenn man seine frühen Sarajevo-Filme und seine späteren Werke zusammendenkt.

Was bleibt? Papa ist auf Dienstraum ist ein echtes Meisterwerk über Tito-Jugoslawien aus Kinderperspektive, politisch harmloser und menschlich tiefer als Underground. Zeit der Zigeuner (1988) ist trotz seiner romantisierenden Roma-Darstellung visuell atemberaubend. Kusturica als Historiker des sozialistischen Alltags ist brillant. Kusturica als Deuter des Krieges ist problematisch.

Danis Tanović: Der Graben zwischen zwei Männern als Metapher für alles

2002 gewann No Man's Land den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Danis Tanović hatte für sein Debüt als Spielfilmregisseur gleich den höchsten Preis geholt — und das mit einem Film, der so klar, so präzise und so wütend ist, dass er auch zwanzig Jahre später nicht altert.

Die Prämisse ist fast theatralisch: Zwei Soldaten — ein Bosniake, ein Serbe — sitzen 1993 in einem Schützengraben fest, zwischen den Fronten, unfähig zu fliehen. Unter ihnen liegt ein dritter Soldat auf einer Tretmine. Die UN versucht zu helfen, scheitert an Bürokratie und Mediengeilheit. Am Ende stirbt jeder auf seine Weise.

Was Tanović gelingt, ist etwas, das im Kino über den Bosnienkrieg selten funktioniert: Er zeigt die Absurdität des Krieges ohne Sentimentalität. Es gibt keine Helden. Es gibt keine einfache Täter-Opfer-Logik. Es gibt nur zwei Männer, die sich eigentlich nichts getan haben, die sich in einem Graben gegenseitig bedrohen, weil ein System sie dazu zwingt. Die UN-Friedenstruppen werden als hilflose, selbstbezügliche Institution gezeigt — das war 2001 eine mutige Aussage.

Tanović hat danach weitere Filme gedreht — Cirkus Columbia (2010), An Episode in the Life of an Iron Picker (2013), der in Berlin den Großen Preis der Jury gewann — und dabei sein Thema erweitert: soziale Ungerechtigkeit, Armut, Systeme, die Menschen zermalmen. Er ist kein Kriegsfilmregisseur geworden, sondern ein politischer Humanist. Bosnien bleibt sein Koordinatensystem, aber er filmt es ohne Nostalgie.

„Ich mache keine Filme über den Krieg. Ich mache Filme über Menschen, die versuchen, in unmöglichen Situationen menschlich zu bleiben." — Danis Tanović in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, 2013

Jasmila Žbanić: Die weibliche Perspektive auf das Schweigen

Wenn Tanović die Absurdität des Krieges zeigt und Kusturica das mythologische Spektakel, dann zeigt Jasmila Žbanić das Danach. Das Schweigen. Die Wunden, die nicht heilen, weil sie nie benannt werden dürfen.

Grbavica (2006) gewann den Goldenen Bären in Berlin — und das war eine kleine Sensation, denn der Film erzählt von einem Thema, über das in Bosnien selbst kaum gesprochen wurde: Kriegsvergewaltigungen und die Kinder, die daraus entstanden. Esma lebt mit ihrer Tochter Sara in Sarajevo, arbeitet in einem Nachtclub, schweigt. Die Tochter fragt nach dem Vater. Die Antwort kommt erst am Ende, und sie zerstört und befreit zugleich.

Žbanić dreht nicht anklagend. Sie dreht mit einer Geduld und Intimität, die den Zuschauer zwingt, bei den Figuren zu bleiben, auch wenn es schmerzt. Grbavica ist kein Film über den Krieg — er ist ein Film über das Leben mit dem Krieg, über das Weiterleben als politischen Akt.

Dann, 2020, Quo vadis, Aida?: Die Oscar-Nominierung für den besten internationalen Film war verdient, aber der Film ist mehr als ein Preisträger. Er erzählt Srebrenica aus der Perspektive einer bosnischen UN-Dolmetscherin, die alles sieht, alles versteht und nichts verhindern kann. Žbanić hat für diesen Film jahrelang recherchiert, hat mit Überlebenden gesprochen, hat die Bürokratie des Massenmords rekonstruiert.

Ich habe den Film 2021 in Heidelberg in einem Seminar über Kriegsverbrechertribunale gezeigt. Die Stille nach dem Abspann war länger als bei jedem anderen Film, den ich je in einem akademischen Kontext gezeigt habe. Das ist Žbanićs Stärke: Sie macht Geschichte körperlich erfahrbar, ohne zu manipulieren.

Der politische Kontext: Wer darf über Bosnien sprechen?

Diese drei Regisseure stehen auch für eine tiefere Frage, die in Bosnien selbst sehr ernst genommen wird: Wer hat das Recht, dieses Land zu repräsentieren? Und für wen sprechen sie eigentlich?

Kusturica, der aus einer säkularen Sarajevo-Familie stammt und sich später als Serben neu definiert hat, wird von vielen Bosniaken als Verräter empfunden — das ist ein hartes Wort, aber es ist das Wort, das fällt, wenn man in Sarajevo darüber spricht. Tanović, der den Krieg als Kameramann dokumentiert hat, bevor er Spielfilme machte, gilt als authentische Stimme. Žbanić, die in Sarajevo während der Belagerung aufgewachsen ist, wird als die Stimme der Überlebenden wahrgenommen.

Das ist natürlich eine Vereinfachung. Kunst lässt sich nicht auf Biografie reduzieren. Aber in einem Land, in dem die Frage „Wer bist du eigentlich?" — Bosniake, Serbe, Kroate? — noch immer politisch explosiv ist, ist die Herkunft eines Regisseurs nie neutral.

Was die Filme dem Reisenden geben — und was nicht

Ich empfehle jedem, der nach Bosnien reist, mindestens einen dieser Filme vor der Reise zu sehen. Aber mit einer klaren Erwartungshaltung:

  • Kusturica zeigt ein Jugoslawien, das es so gab und nicht gab — eine mythologisierte Version des sozialistischen Alltags. Nützlich zum Verstehen der Nostalgie, die viele ältere Bosnier für Tito empfinden. Nicht nützlich zum Verstehen des Krieges.
  • Tanović zeigt die Mechanismen des Krieges mit chirurgischer Präzision. No Man's Land ist Pflichtlektüre für jeden, der die Logik des Konflikts 1992–95 verstehen will. Kurz, klar, unerbittlich.
  • Žbanić zeigt das gesellschaftliche Danach. Wer nach Sarajevo fährt und sich fragt, warum die Menschen so reden, wie sie reden, warum bestimmte Themen so schwer anzusprechen sind — Grbavica und Quo vadis, Aida? erklären das besser als jedes Geschichtsbuch.

Als ich 2023 mit einer Gruppe Heidelberger Studierender durch Sarajevo führte und wir vor der Galerija 11/07/95 standen — dem Srebrenica-Gedenkmuseum in der Altstadt — bat ich sie, sich an Žbanićs Film zu erinnern. Nicht als Ersatz für die Ausstellung, sondern als Vorbereitung der Empfindungsfähigkeit. Es funktionierte. Das Kino als Empathie-Maschine: Das ist es, was die besten dieser Filme leisten.

Das Sarajevo Film Festival als Spiegel der Gegenwart

Bosniens Filmszene erschöpft sich nicht in diesen drei Namen. Das Sarajevo Film Festival, das im August stattfindet und das größte Filmfestival Südosteuropas ist, zeigt seit 1995 jedes Jahr, dass eine neue Generation von Filmemachern an der Arbeit ist. Namen wie Ahmed Imamović, Pjer Žalica oder Ines Tanović (Danis' Tochter) stehen für ein Kino, das weniger mit dem Krieg ringt und mehr mit der Gegenwart: Korruption, EU-Annäherung, Identität im digitalen Zeitalter.

Das Festival selbst ist ein Erlebnis. Wer im August in Sarajevo ist, sollte es nicht verpassen. Die Outdoor-Screenings auf dem Trg Bosne i Hercegovine, die Diskussionen in der Vijećnica, die Atmosphäre einer Stadt, die sich durch Kultur definiert — das ist das lebendige Gegenstück zu den Museen und Gedenkstätten.

Mein Fazit nach 18 Bosnien-Reisen und zwei Büchern

Zurück zu dem Studenten in Sarajevo, der fragte, welcher Regisseur Bosnien „richtig" zeige. Meine Antwort, die ich damals ein wenig umständlich formulierte, lautet heute klarer: Keiner von ihnen allein. Alle drei zusammen kommen der Wahrheit näher — aber selbst das reicht nicht.

Bosnien ist ein Land, das sich jedem einzelnen Erklärungsrahmen entzieht. Kusturica hat das als Chaos-Poesie verarbeitet, Tanović als politische Tragödie, Žbanić als menschliches Trauma. Alle drei haben recht. Alle drei haben unrecht. Das ist, ehrlich gesagt, das Faszinierendste an diesem Land — und der Grund, warum ich seit 2002 immer wieder zurückfahre.

Wer die Filme kennt und dann durch Sarajevo geht, durch Grbavica, an der Lateinerbrücke vorbei, hinauf zur Gelben Bastion — der sieht die Stadt mit anderen Augen. Nicht mit den Augen eines Touristen, der Sehenswürdigkeiten abhakt. Sondern mit den Augen eines Lesers, der ein Buch kennt, das an diesem Ort spielt. Das ist der Wert des bosnischen Kinos für den Reisenden: Es gibt der Geschichte ein Gesicht.


Praktische Informationen: Bosnischen Film erleben

Film Regie Jahr Auszeichnung Empfehlung
No Man's Land Danis Tanović 2001 Oscar (bester fremdsprachiger Film) Vor Sarajevo-Besuch ansehen
Grbavica Jasmila Žbanić 2006 Goldener Bär Berlin Vor Sarajevo/Galerija 11/07/95
Quo vadis, Aida? Jasmila Žbanić 2020 Oscar-Nominierung Vor Srebrenica-Gedenkstätten
Papa ist auf Dienstreise Emir Kusturica 1985 Goldene Palme Cannes Für Tito-Jugoslawien-Kontext
Underground Emir Kusturica 1995 Goldene Palme Cannes Mit kritischer Distanz ansehen

Sarajevo Film Festival: Jedes Jahr im August, ca. 9 Tage. Tickets und Programm unter sff.ba. Outdoor-Screenings oft kostenlos oder sehr günstig (ca. 3–5 KM). Akkreditierung für Fachpublikum möglich.

Galerija 11/07/95 (Srebrenica-Gedenkausstellung Sarajevo): Ferhadija 1, Sarajevo. Täglich geöffnet, Eintritt ca. 5 KM (Stand 2025, vor Reise prüfen). Pflichtbesuch für jeden, der Quo vadis, Aida? gesehen hat.

💶 1 EUR ≈ 1,96 BAM
🗣️ Bosnisch, Kroatisch, Serbisch
MEZ/MESZ (wie Deutschland)
🛂 Kein Visum für EU-Bürger (bis 90 Tage)
🆘 122 Polizei · 123 Feuerwehr · 124 Rettung
Eintrag beanspruchen
Bist du der Inhaber dieses Eintrags? Sende uns deine Daten — wir verifizieren und schalten dir kostenlosen Marketing-Zugang frei.
📍 POI
📎 Datei auswählen oder hier ablegen JPG, PNG, PDF · max. 5 MB
Mit dem Absenden stimmst du unserer Datenschutzerklärung zu.
Wir prüfen deine Anfrage in der Regel innerhalb von 1–2 Werktagen.