Bosnienkrieg 1992–1995 für Reisende

Was jeder Besucher über den Krieg in Bosnien-Herzegowina wissen sollte

Autor: Matthias Köhler

Warum jeder Bosnien-Reisende diesen Krieg verstehen sollte

Es war im Herbst 2007, bei meinem dritten längeren Forschungsaufenthalt in Sarajevo. Ich saß mit einem älteren Historikerkollegen, Džemal hieß er, im Caffe Bar Andar in der Altstadt — jenem kleinen Lokal in der Saraci 22, das früher eine Schuhmacherwerkstatt war. Er zeigte auf eine unscheinbare Delle im Pflaster draußen auf der Straße. „Das ist eine Sarajevo-Rose", sagte er, ohne eine Miene zu verziehen. „Da ist 1994 jemand gestorben." Dann bestellte er einen bosnischen Kaffee.

Diese Nüchternheit — und gleichzeitig diese Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Unfassbaren — ist etwas, das ich in keinem Reiseführer gefunden habe. Sie erklärt aber mehr über Bosnien als tausend Sightseeing-Tipps. Wer dieses Land bereist, ohne die Grundzüge des Krieges von 1992 bis 1995 zu kennen, bleibt an der Oberfläche. Er sieht die Stari Most in Mostar, weiß aber nicht, dass sie 1993 absichtlich zerstört wurde. Er besucht Srebrenica, ohne zu verstehen, was dort im Juli 1995 geschah. Er fragt sich, warum manche Moscheen so neu aussehen — und warum manche Kirchen so frisch gemauert sind.

Dieser Artikel ist kein akademisches Kompendium. Er ist ein Orientierungsrahmen für Reisende, die verstehen wollen, was sie sehen.

Jugoslawiens Zerfall: Die Ursachen des Krieges

Der Bosnienkrieg entstand nicht aus dem Nichts. Er war das Ergebnis eines jahrzehntelangen Spannungsfeldes, das mit dem Tod Josip Broz Titos 1980 seinen Countdown begann. Tito hatte das multiethnische Jugoslawien mit einer Mischung aus Repression, wirtschaftlichem Pragmatismus und dem Mythos der „Brüderlichkeit und Einheit" zusammengehalten. Nach seinem Tod fehlte das Zentrum.

In Bosnien-Herzegowina lebten drei große Bevölkerungsgruppen zusammen: Bosniaken (mehrheitlich muslimisch, rund 44 Prozent), Serben (orthodox, rund 31 Prozent) und Kroaten (katholisch, rund 17 Prozent). Diese Gruppen waren nicht sauber getrennt — sie lebten in denselben Städten, oft in denselben Häusern, heirateten ineinander. Das macht den Krieg so schwer begreifbar: Es war kein Krieg zwischen klar getrennten Territorien, sondern ein Krieg, der mitten durch Familien, Dörfer und Städte verlief.

Als Slowenien und Kroatien 1991 ihre Unabhängigkeit erklärten, stand Bosnien vor einer Schicksalsfrage: Im Jugoslawien bleiben — das faktisch von Serbien dominiert wurde? Oder die Unabhängigkeit erklären und damit die bosnischen Serben provozieren, die lieber in einem gemeinsamen serbischen Staat leben wollten? Ein Referendum im März 1992 brachte eine klare Mehrheit für die Unabhängigkeit. Die bosnischen Serben boykottierten es. Am 6. April 1992 erkannte die Europäische Gemeinschaft Bosnien-Herzegowina als unabhängigen Staat an. Am selben Tag begannen die Schüsse auf Sarajevo.

Der Krieg: Drei Konflikte in einem

Was folgte, war in Wahrheit kein einheitlicher Krieg, sondern drei ineinandergreifende Konflikte — und diese Komplexität ist entscheidend für das Verständnis.

Die Belagerung Sarajevos (1992–1996)

Die Armee der bosnischen Serben — die Vojska Republike Srpske (VRS) unter General Ratko Mladić — umzingelte Sarajevo und begann eine Belagerung, die 1.425 Tage dauern sollte. Länger als die Belagerung Leningrads im Zweiten Weltkrieg. Scharfschützen schossen auf Zivilisten, die Wasser holten. Granaten schlugen in Märkte ein. Der Markale-Markt in Sarajevo wurde zweimal bombardiert — im Februar 1994 starben dabei 68 Menschen. Die Narben dieser Einschläge wurden mit rotem Kunstharz ausgegossen: die sogenannten Sarajevo-Rosen, die heute über das gesamte Stadtgebiet verteilt sind und an die Toten erinnern.

Gleichzeitig kämpfte die Armee der Republik Bosnien-Herzegowina (ARBiH) nicht nur gegen die VRS, sondern zeitweise auch gegen den Kroatischen Verteidigungsrat (HVO). Dieser Krieg im Krieg erreichte seinen brutalsten Ausdruck in der Zerstörung der Stari Most in Mostar am 9. November 1993 — die 427 Jahre alte osmanische Brücke wurde von kroatischen Einheiten gezielt beschossen und zum Einsturz gebracht.

Ethnische Säuberungen und das Massaker von Srebrenica

Parallel zur militärischen Auseinandersetzung fanden systematische ethnische Säuberungen statt. Ganze Bevölkerungsgruppen wurden aus ihren Heimatorten vertrieben oder ermordet. Konzentrationslager wie Omarska, Keraterm und Trnopolje wurden eingerichtet — Orte, die in ihrer Brutalität an das dunkelste Kapitel des 20. Jahrhunderts erinnerten.

Den Tiefpunkt markiert das Massaker von Srebrenica im Juli 1995. Die Stadt war von der UNO zur „Schutzzone" erklärt worden — niederländische UN-Blauhelme sollten die Bevölkerung schützen. Als VRS-Truppen unter Mladić die Stadt einnahmen, wurden mehr als 8.000 bosniakische Männer und Jungen systematisch ermordet. Der Internationale Gerichtshof qualifizierte dies 2007 als Völkermord. Die Gedenkstätte Potočari bei Srebrenica ist heute ein Ort, den ich jedem Bosnien-Reisenden empfehle — aber mit Vorbereitung. Wer dort ankommt, ohne den Hintergrund zu kennen, kann das Ausmaß nicht ermessen.

Das Dayton-Abkommen und sein zweifelhaftes Erbe

Im November 1995 erzwangen die USA in Dayton, Ohio, ein Friedensabkommen. Es beendete den Krieg — aber es zementierte auch eine politische Struktur, die das Land bis heute lähmt. Bosnien-Herzegowina wurde in zwei Entitäten geteilt: die Föderation Bosnien-Herzegowina (mehrheitlich bosniakisch-kroatisch) und die Republika Srpska. Drei Präsidenten, zwei Entitäten, zehn Kantone, ein Sonderdistrikt — das politische System Bosniens ist eines der kompliziertesten der Welt, und es ist direkt aus dem Krieg hervorgegangen.

Zahlen und Fakten: Was der Krieg bedeutete

Kennzahl Zahl / Einordnung
Dauer des Krieges 6. April 1992 – 14. Dezember 1995 (Dayton)
Todesopfer (geschätzt) ca. 100.000 Menschen
Vertriebene über 2,2 Millionen (mehr als die Hälfte der Vorkriegsbevölkerung)
Belagerung Sarajevo 1.425 Tage (längste Belagerung einer Hauptstadt in der Geschichte moderner Kriegsführung)
Srebrenica-Massaker über 8.000 Opfer, Juli 1995 — vom IGH als Völkermord eingestuft
Verurteilte Kriegsverbrecher (ICTY) 90 rechtskräftige Verurteilungen durch das Internationale Strafgericht für das ehemalige Jugoslawien
Verbliebene Minengefahr ca. 1.573 km² (Stand 2009) noch mit Landminen verseucht

Was Reisende heute noch sehen: Die Spuren des Krieges

Bosnien-Herzegowina ist kein Kriegsmuseum. Es ist ein lebendiges Land, das sich in einem schwierigen, oft zähen Prozess der Aufarbeitung befindet. Aber die Spuren sind überall — wenn man weiß, wonach man suchen muss.

Sarajevo

Die Sarajevo-Rosen im Pflaster sind die sichtbarsten Zeugen. Über die ganze Innenstadt verteilt, markieren sie Orte, an denen Granateneinschläge Menschenleben kosteten. Die Galerija 11/07/95 im Stadtzentrum (Trg Fra Grge Martića 2) ist dem Massaker von Srebrenica gewidmet — eine der eindringlichsten Gedenkstätten, die ich je besucht habe. Still, dokumentarisch, ohne Pathos. Der Tunnel der Hoffnung (Tunel spasa) im Stadtteil Butmir, nur wenige Minuten vom Flughafen entfernt, war während der Belagerung die einzige Verbindung zwischen dem belagerten Sarajevo und der Außenwelt: ein 800 Meter langer Tunnel, gegraben unter der UN-kontrollierten Flughafenpiste. Heute ist er Museum, und ein Besuch dauert etwa eine Stunde (Eintritt ca. 5 KM, Stand 2026 — vor Reise prüfen).

Die verlassene Olympia-Bobbahn auf dem Trebević, gebaut für die Winterspiele 1984, wurde im Krieg zur Artilleriestellung — und ist heute eine der bekanntesten Street-Art-Galerien der Welt. Wer sie besucht, erlebt in einem einzigen Ort das ganze Paradox dieses Landes: olympischer Glanz, Kriegszerstörung, kreative Wiederaneignung.

Mostar

Der Sniper Tower — das ehemalige Bankgebäude Razvitak, im Volksmund auch „Šejtan Kula" (Teufelsburg) genannt — ragt als durchlöcherte Betonruine über die Stadt. Er ist begehbar, auf eigene Gefahr. Wer ihn betritt, sollte festes Schuhwerk tragen und eine Taschenlampe mitnehmen. Die Einschusslöcher in den Fassaden vieler Häuser sind nicht restauriert — teils aus Geldmangel, teils bewusst als Erinnerung. Die Stari Most selbst, 2004 nach originalem Vorbild wieder aufgebaut, ist nicht nur eine Brücke: Sie ist ein politisches Symbol der Versöhnung, das täglich von Zehntausenden überquert wird.

Srebrenica und die Gedenkstätte Potočari

Die Gedenkstätte Potočari liegt etwa 5 Kilometer nördlich von Srebrenica. Weiße Grabsteine — Tausende davon — reihen sich auf dem Gelände einer ehemaligen UN-Basis. Jedes Jahr am 11. Juli, dem Jahrestag des Massakers, findet eine Gedenkfeier statt. Wer die Gedenkstätte besucht, sollte sich Zeit nehmen — mindestens zwei Stunden. Das Museum auf dem Gelände dokumentiert die Ereignisse mit Fotos, Zeugenaussagen und Artefakten. Es ist kein angenehmer Besuch. Er ist notwendig.

Sensibel reisen: Was du wissen und beachten solltest

In meinen 18 Reisen durch Bosnien-Herzegowina habe ich gelernt: Der Krieg ist kein abgeschlossenes Kapitel. Er ist Gegenwart. Menschen, die ich in Sarajevo, Mostar oder Banja Luka treffe, haben den Krieg erlebt — als Kinder, als Jugendliche, als Erwachsene. Manche haben Familienangehörige verloren. Manche haben auf der einen Seite gekämpft, manche auf der anderen. Manche schweigen. Manche reden.

Einige Grundregeln aus meiner Erfahrung:

  • Den Krieg nie als Gesprächseröffnung nutzen. Wenn ein Einheimischer das Thema anspricht, kannst du zuhören und fragen. Fang aber nie selbst damit an — schon gar nicht mit Schuldzuweisungen oder vereinfachenden Urteilen.
  • Keine Gleichsetzung der Täter. Es gab Kriegsverbrechen auf allen Seiten — das ist historisch belegt. Aber das Ausmaß war nicht gleich. Das Massaker von Srebrenica ist ein Völkermord. Diese Einordnung ist nicht politisch, sondern juristisch und historisch.
  • Gedenkstätten mit Respekt besuchen. Keine laute Musik, keine ausgelassenen Fotos, keine Selfies vor Grabsteinen.
  • Landminen ernst nehmen. Verlasse in ländlichen Regionen, besonders in Sutjeska, auf der Romanija-Hochebene und in abgelegenen Berggebieten, nie markierte Wege. Die BHMAC (Bosnian Mine Action Centre) führt aktuelle Karten der verseuchten Gebiete. Das ist keine Übertreibung: Zwischen 1996 und 2017 starben 605 Menschen durch Minen.
  • Politische Sensibilität in der Republika Srpska. Die politische Situation ist komplex. Aussagen über den Krieg können je nach Gesprächspartner sehr unterschiedlich aufgenommen werden. Zuhören ist mehr wert als reden.

Wo du dich vorbereiten kannst: Museen, Touren, Literatur

Eine Bosnien-Reise mit historischem Schwerpunkt gewinnt enorm, wenn man sich vorher vorbereitet. Meine persönlichen Empfehlungen:

Vor der Reise

  • Film: Quo vadis, Aida? (Jasmila Žbanić, 2020) — oscarnominiert, zeigt die Ereignisse in Srebrenica aus der Perspektive einer UN-Übersetzerin. Pflichtprogramm.
  • Film: No Man's Land (Danis Tanović, 2001) — Oscar-Gewinner, zeigt die Absurdität des Krieges mit bitterem Humor.
  • Film: Grbavica (Jasmila Žbanić, 2006) — Goldener Bär, zeigt die Nachkriegsrealität in Sarajevo.
  • Buch: Ivo Andrić, Die Brücke über die Drina — kein Kriegsbuch, aber das Buch über Bosniens Geschichte schlechthin.

Vor Ort in Sarajevo

  • Galerija 11/07/95 (Trg Fra Grge Martića 2) — Srebrenica-Gedenkstätte, täglich geöffnet
  • War Childhood Museum (Logavina 32) — ausgezeichnetes Museum über Kindheitserfahrungen im Krieg, sehr persönlich
  • Tunnel der Hoffnung / Tunel spasa (Tuneli 1, Butmir) — ca. 5 KM Eintritt, vor Reise prüfen
  • Kriegstour mit Veteran — geführte Touren mit Überlebenden, ca. 39 € (Stand 2026, GetYourGuide), Bewertung 4,9/5 aus über 600 Bewertungen

„Man kann Bosnien nicht verstehen, ohne den Krieg zu verstehen. Aber man darf Bosnien nicht auf den Krieg reduzieren. Beides gleichzeitig zu tun — das ist die Kunst des Reisens hier."

— Dr. Matthias Köhler, aus einem Gespräch mit Studierenden, Heidelberg 2024

Das politische Erbe: Bosnien heute

Das Dayton-Abkommen hat den Krieg beendet, aber es hat auch ein politisches System geschaffen, das Reformen strukturell erschwert. Die Republika Srpska, deren politische Führung unter Milorad Dodik den Völkermord in Srebrenica bis heute leugnet oder relativiert, hat in den letzten Jahren wiederholt die staatlichen Institutionen blockiert. Die Annäherung an die EU stockt. Gleichzeitig wächst eine junge Generation heran, die den Krieg nicht erlebt hat und die Grenzen zwischen den Entitäten als das betrachtet, was sie sind: Konstrukte.

Als Reisender wirst du diese politische Spannung spüren. In Sarajevo anders als in Banja Luka. In Mostar anders als in Trebinje. Das ist nicht beunruhigend — es ist Teil der Realität dieses Landes, das ich nach 18 Reisen und zwei Forschungsaufenthalten immer noch faszinierend und zutiefst lebenswert finde.

Für weiterführende Informationen zur aktuellen Minengefahr empfehle ich die offizielle Karte des BHMAC (Bosnian Mine Action Centre). Zur historischen Einordnung des Krieges bietet die Wikipedia-Seite zum Bosnienkrieg einen soliden Überblick mit weiterführenden Quellen.

Mein Fazit nach 18 Reisen

Ich bin zum ersten Mal 2002 nach Bosnien gereist — sieben Jahre nach Kriegsende. Damals standen in Sarajevo noch Häuser mit Einschusslöchern, die frisch verputzt worden waren, und Häuser, die gar nicht verputzt worden waren. Heute, mehr als zwanzig Jahre später, sieht die Stadt anders aus. Lebendiger. Selbstbewusster. Aber die Sarajevo-Rosen sind noch da. Die Gedenkstätte in Potočari ist noch da. Der Tunnel der Hoffnung ist noch da.

Bosnien-Herzegowina ist eines der reichsten Länder Europas — nicht ökonomisch, sondern kulturhistorisch. Wer es bereist, begegnet osmanischen Moscheen und habsburgischen Kaffeehäusern, mittelalterlichen Festungen und sozialistischen Denkmälern, einer Gastfreundschaft, die ich nirgendwo sonst in dieser Intensität erlebt habe. Aber all das erschließt sich tiefer, wenn man versteht, was zwischen 1992 und 1995 passiert ist. Nicht um im Schmerz zu verweilen. Sondern um zu begreifen, was es bedeutet, dass dieses Land heute — trotz allem — existiert, lebt und einlädt.

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