Bosnien in Literatur, Film & Musik heute

Was bosnische Künstler der Gegenwart der Welt zu sagen haben

Autor: Selma Jusufović

Warum die bosnische Gegenwartskultur gerade jetzt so wichtig ist

Es gibt Länder, die man durch ihre Landschaft kennenlernt. Und es gibt Länder, die man durch ihre Kunst versteht. Bosnien & Herzegowina gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Wer hier ankommt und nur Brücken und Minarette fotografiert, nimmt nur die Hälfte mit. Die andere Hälfte steckt in einem Kinosaal in Sarajevo im August, wenn das Sarajevo Film Festival die Stadt in ein einziges Freiluftgespräch verwandelt. Sie steckt in den Texten von Aleksandar Hemon, der von Chicago aus über Sarajevo schreibt und dabei mehr über das Wesen dieser Stadt sagt als jeder Reiseführer. Sie steckt im Bass von Dubioza Kolektiv, der durch Betonwände geht.

Ich lebe in Sarajevo. Ich kuratiere, schreibe, beobachte. Und ich sage dir: Die bosnische Gegenwartskultur ist nicht Folklore, nicht Nostalgie, nicht Kriegstrauma-Verarbeitung für westliche Festivalbesucher. Sie ist politisch, wütend, zärtlich und ungemein präzise. Sie verdient mehr Aufmerksamkeit, als sie bekommt.

Bosnische Gegenwartsliteratur: Zwischen Diaspora und Heimat

Die internationale Aufmerksamkeit für bosnische Literatur beginnt meist bei Ivo Andrić (Nobelpreis 1961) und Meša Selimović — zwei Autoren, die ich verehre und die ich in diesem Artikel bewusst in den Hintergrund stelle. Denn die Gegenwart ist mindestens genauso faszinierend.

Aleksandar Hemon ist der bosnische Autor, den die Welt kennt — auch wenn er seit dem Kriegsausbruch 1992 in Chicago lebt. Sein Roman Nowhere Man (2002) und die Erzählsammlung The Question of Bruno verhandeln das Thema, das Bosnien bis heute prägt: Was bedeutet Heimat, wenn die Heimat aufgehört hat, die Heimat zu sein? Hemon schreibt auf Englisch, denkt auf Bosnisch — und das spürt man in jedem Satz. Seine Prosa hat diese spezifische Sarajevo-Qualität: lakonisch, selbstironisch, mit einem Schmerz, der nie sentimentalisiert wird.

Weniger bekannt im deutschsprachigen Raum, aber mindestens so lesenswert: Faruk Šehić. Sein autobiografischer Roman Quiet Flows the Una (bosnisch: Knjiga o Uni, 2011) beschreibt das Aufwachsen am Fluss Una, den Krieg und die Rückkehr — und ist dabei von einer lyrischen Dichte, die mich beim ersten Lesen sprachlos gemacht hat. Šehić ist auch Poet, und das merkt man: Jeder Satz sitzt wie ein Stein im Wasser.

Für deutschsprachige Leser empfehle ich außerdem Saša Stanišić, der zwar als bosnisch-deutscher Autor gilt und in Deutschland lebt, aber dessen Werk — besonders Herkunft (2019, Deutscher Buchpreis) — tief in die bosnische Seele hineinleuchtet. Stanišić schreibt über das Dorf Oskoruša in Ostbosnien, über Großmütter und Erinnerung und das Verschwinden von Orten. Das ist Bosnien-Literatur, auch wenn sie auf Deutsch erscheint.

„Ich wollte nie Kriegsliteratur schreiben. Ich wollte Literatur schreiben, in der Krieg vorkommt — wie er im Leben vorkommt." — Aleksandar Hemon, Interview, Sarajevo, 2019

Bosnischer Film: Jasmila Žbanić und die Kunst des Unbequemen

Wenn ich einen einzigen Namen nennen müsste, der die bosnische Filmkunst der Gegenwart definiert, dann ist es Jasmila Žbanić. Kein Zögern. Ihr Debütfilm Grbavica (2006) gewann den Goldenen Bären in Berlin und erzählte von einer Mutter, die ihrem Kind die Wahrheit über seine Herkunft verschweigt — entstanden aus Kriegsvergewaltigung. Der Film war so präzise, so ruhig und so brutal ehrlich, dass er in Bosnien eine politische Debatte auslöste, die bis heute nicht abgeschlossen ist.

Dann kam Quo vadis, Aida? (2020) — für mich einer der wichtigsten europäischen Filme der letzten zwanzig Jahre. Die Handlung: Srebrenica, Juli 1995, aus der Perspektive einer UN-Dolmetscherin. Žbanić zeigt das Massaker nicht als abstraktes Geschichtsereignis, sondern als Abfolge von Entscheidungen, Feigheiten, Momenten, in denen Menschen hätten anders handeln können. Der Film wurde für den Oscar nominiert. Er hätte ihn gewonnen.

Ich habe Quo vadis, Aida? beim Sarajevo Film Festival 2020 in der Vorpremiere gesehen — in einem Kinosaal, in dem Menschen saßen, die Srebrenica überlebt haben. Die Stille nach dem Abspann war anders als jede andere Stille, die ich in einem Kino erlebt habe. Das ist die Kraft dieses Films: Er macht Geschichte körperlich spürbar.

Neben Žbanić ist Danis Tanović zu nennen, dessen No Man's Land (2001) den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewann — eine bittere Komödie über zwei Soldaten im Niemandsland zwischen den Fronten. Tanović hat seitdem weitere Filme gedreht, darunter An Episode in the Life of an Iron Picker (2013, Silberner Bär), der die Lage der Roma in BiH thematisiert und mit Laiendarstellern gedreht wurde, die ihre eigene Geschichte spielten.

Das Sarajevo Film Festival: Mehr als ein Filmfestival

Das Sarajevo Film Festival findet jedes Jahr im August statt — neun Tage, die die Stadt verwandeln. Es ist das größte Filmfestival Südosteuropas und für mich, nach zwölf Jahren Berichterstattung, immer noch das aufregendste. Nicht wegen des roten Teppichs (der ist schöner in Cannes), sondern wegen der Gespräche danach: in den Kaffeehäusern der Baščaršija, auf den Terrassen in Bjelave, in den improvisierten Bars, die nur für diese neun Tage existieren.

Das Festival zeigt nicht nur bosnische Filme — es ist ein Ort, an dem die gesamte Region (Kroatien, Serbien, Nordmazedonien, Kosovo) ihre Geschichten verhandelt. Und das in einer Stadt, in der diese Geschichten oft schmerzhaft aufeinanderprallen. Das macht es einzigartig.

  • Wann: Jährlich im August, ca. 9 Tage
  • Tickets: Einzelvorstellung ab ca. 5 KM (ca. 2,50 €), Festivalpass ca. 100–150 KM
  • Hauptspielstätten: Kino Meeting Point, Obala Art Centar, diverse Open-Air-Locations
  • Tipp: Frühzeitig akkreditieren — Presseakkreditierungen öffnen meist im Mai
  • Website: sff.ba

Sevdah und Dubioza: Die zwei Seelen der bosnischen Musik

Bosnische Musik hat zwei Seelen, die sich auf den ersten Blick widersprechen — und beim zweiten Hinhören als zwei Seiten derselben Münze entpuppen.

Die erste Seele heißt Sevdah. Das ist die traditionelle Vokalmusik Bosniens — melancholisch, ornamental, tief verwurzelt in der osmanischen Musiktradition. Sevdah ist kein Musikstil, es ist ein Gefühl: eine Art existenzielle Schwermut, die aber nie hoffnungslos ist. Das bosnische Wort sevdah kommt vom arabischen sawdā (schwarze Galle) über das türkische sevda (Liebe, Sehnsucht) — und dieser Weg durch die Sprachen sagt alles über Bosnien.

Damir Imamović ist der wichtigste lebende Sevdah-Musiker. Er ist kein Folklorist, der alte Lieder konserviert — er ist ein Künstler, der Sevdah in Gespräch mit Jazz, Blues und zeitgenössischer Komposition bringt. Sein Album Singer of Tales (2017) wurde international gefeiert, und zu Recht: Es klingt nach Sarajevo, aber auch nach New Orleans und Istanbul. Ich habe ihn mehrfach live gehört, zuletzt 2024 im Kino Meeting Point — ein kleiner Saal, voller Stille zwischen den Tönen.

Die zweite Seele ist laut, politisch und hat Dreadlocks. Dubioza Kolektiv aus Sarajevo ist seit über zwanzig Jahren aktiv und spielt eine Mischung aus Reggae, Punk, Electronic und Balkan-Brass, die man irgendwo zwischen Manu Chao und The Clash einordnen könnte — aber das wäre zu einfach. Ihre Texte sind politische Pamphlete gegen Nationalismus, Korruption und die Absurdität des bosnischen Staatsapparats. Das Lied Boom (2013) wurde zur inoffiziellen Hymne der bosnischen Protestbewegung. Sie spielen auf Festivals in ganz Europa, füllen Hallen in Berlin, Wien und Amsterdam — und kehren immer wieder zurück nach Sarajevo, weil sie sonst nirgendwo wirklich zu Hause sind.

Wer beide Seelen in einer Nacht erleben will: Das Jazz Fest Sarajevo im November und die Baščaršija Nights im Juli bieten regelmäßig Auftritte beider Welten — oft sogar auf derselben Bühne.

Zeitgenössische bildende Kunst: Was nach dem Krieg entstand

Die bosnische Kunstszene nach 1995 ist ein Thema, das ich mit besonderer Leidenschaft verfolge — und über das im deutschsprachigen Raum viel zu wenig geschrieben wird. 2022 kuratierte ich die Bosnien-Sektion einer Berliner Gruppenausstellung, und die häufigste Reaktion der Besucher war Überraschung: Das kommt aus Bosnien?

Ja. Das kommt aus Bosnien.

Sarajevo hat eine lebendige Galerieszene, die sich vor allem in den Stadtteilen Bjelave und Kovači konzentriert. Die Galerija Duplex/10m2 zeigt konsequent zeitgenössische Positionen aus BiH und der Region. Das Ars Aevi Museum — ein Projekt, das während der Belagerung von Sarajevo begann, als internationale Künstler Werke für eine Stadt schickten, die unter Beschuss lag — beherbergt eine der ungewöhnlichsten Sammlungen Europas: Werke von Jannis Kounellis, Michelangelo Pistoletto und anderen, entstanden in Solidarität mit einer belagerten Stadt.

Das Historijski Muzej BiH (Historisches Museum) zeigt nicht nur Geschichte, sondern interpretiert sie künstlerisch — mit Installationen und Dokumentarfotografie, die das Sarajevo der Belagerung greifbar machen. Der Eintritt kostet wenige KM und ist jeden Besuch wert.

Praktische Infos: Kultur in Sarajevo erleben

Ort / Event Adresse / Info Preis (ca.) Beste Zeit
Sarajevo Film Festival Obala Kulina bana 10, Sarajevo ab 2,50 € / Vorstellung August
Jazz Fest Sarajevo Diverse Spielstätten, Innenstadt 15–40 € / Abend November
Baščaršija Nights Baščaršija, Sarajevo kostenlos bis 10 € Juli
Ars Aevi Museum Branilaca Sarajeva 2a 5 KM (ca. 2,50 €) ganzjährig
Historijski Muzej BiH Zmaja od Bosne 5 4 KM (ca. 2 €) ganzjährig
MESS Theaterfestival Diverse Spielstätten 10–25 € Oktober

Tipp: Das Kino Meeting Point (Hamdije Kreševljakovića 13) zeigt ganzjährig Arthouse-Kino und ist gleichzeitig das wichtigste Kulturzentrum der Stadt. Wer verstehen will, wie Sarajevo über sich selbst nachdenkt, verbringt einen Abend dort.

Warum bosnische Gegenwartskultur deine Reise verändert

Ich sage das ohne Übertreibung: Wer Quo vadis, Aida? gesehen hat, bevor er nach Srebrenica fährt, erlebt diesen Ort anders. Wer Faruk Šehić gelesen hat, bevor er den Fluss Una zum ersten Mal sieht, hört das Wasser anders. Wer Dubioza Kolektiv live erlebt hat, versteht die Wut und den Humor, mit dem junge Bosnier über ihr Land reden, auf eine Weise, die kein Reiseführer vermitteln kann.

Bosnische Gegenwartskultur ist kein Bonus für Kulturinteressierte — sie ist der Schlüssel zum Verständnis des Landes. Sie erklärt, warum Sarajevo trotz allem eine der lebendigsten Städte Europas ist. Warum Menschen hier bleiben, obwohl sie gehen könnten. Warum aus einem Land, das dreißig Jahre nach dem Krieg noch immer politisch gelähmt ist, Kunst entsteht, die international Preise gewinnt.

Das ist nicht Widerspruch. Das ist Bosnien.

FAQ: Bosnische Kultur für Reisende

Welche bosnischen Filme sollte ich vor meiner Reise gesehen haben?

Unbedingt Quo vadis, Aida? (Žbanić, 2020) und Grbavica (Žbanić, 2006). Wer den Krieg besser verstehen will: No Man's Land (Tanović, 2001). Alle drei sind auf Streaming-Plattformen verfügbar.

Welche bosnischen Bücher empfiehlst du für die Reisevorbereitung?

Aleksandar Hemons Nowhere Man für Sarajevo-Feeling, Saša Stanišićs Herkunft für ländliches Ostbosnien, Faruk Šehićs Quiet Flows the Una für den Nordwesten. Klassiker: Andrićs Die Brücke über die Drina für historischen Kontext.

Wann findet das Sarajevo Film Festival statt und wie bekomme ich Tickets?

Jedes Jahr im August, neun Tage. Tickets gibt es online über sff.ba oder an den Festivalkassen. Einzelvorstellungen ab ca. 2,50 €, Festivalpass ca. 50–75 €. Frühzeitig buchen — beliebte Vorstellungen sind schnell ausverkauft.

Wo kann ich in Sarajevo Sevdah live hören?

Das Kino Meeting Point und die Baščaršija Nights (Juli) bieten regelmäßig Sevdah-Konzerte. Das Jazz Fest Sarajevo im November zeigt oft Crossover-Projekte. Für spontane Erlebnisse: Einige traditionelle Kafanas in der Baščaršija haben abends Live-Musik.

Ist Bosnien interessant für Kunstliebhaber, nicht nur für Geschichtstouristen?

Absolut. Das Ars Aevi Museum ist eine der ungewöhnlichsten Gegenwartskunst-Sammlungen Europas. Die Galerieszene in Bjelave ist klein, aber lebendig. Und das MESS Theaterfestival im Oktober gehört zu den bedeutendsten Theaterfestivals der Region.

Spricht man in Bosnien über den Krieg offen?

Ja — aber auf eigene Initiative. Als Besucher sollte man das Thema nicht aufdrängen. Wenn Einheimische davon anfangen, zuhören und respektvoll nachfragen. Die Galerija 11/07/95 in Sarajevo ist ein guter Ort, um sich dem Thema Srebrenica würdevoll zu nähern, bevor man persönliche Gespräche sucht.

Mein Fazit nach einem Leben in Sarajevo und über dreißig Jahren in diesem Land: Bosnische Gegenwartskultur ist kein Nischenthema für Spezialisten. Sie ist der direkteste Weg zu verstehen, was hier passiert ist — und was hier gerade passiert. Žbanić, Hemon, Imamović, Dubioza: Das sind keine Exportprodukte für westliche Festivals. Das sind Menschen, die aus diesem Ort heraus denken und schaffen. Hör ihnen zu, bevor du anreist. Du wirst Bosnien anders sehen.

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