Bosnien: Demografie 1991 vs. heute

Wie Krieg und Vertreibung die Bevölkerungsstruktur BiHs für immer veränderten

Autor: Matthias Köhler

Eine Zahl, die alles verändert hat: 4,4 Millionen im Jahr 1991

Als ich 2002 zum ersten Mal nach Sarajevo fuhr — sieben Jahre nach Kriegsende — war die Stadt noch von einer eigentümlichen Stille durchzogen. Nicht die Stille der Leere, sondern die Stille des Verlustes. Häuser ohne Bewohner, Straßen mit zu wenig Menschen, Friedhöfe mit zu vielen frischen Gräbern. Damals verstand ich noch nicht vollständig, was die Zahlen bedeuteten, die mir mein erster Gesprächspartner, ein Historiker der Universität Sarajevo, in einem kleinen Café in der Baščaršija nannte: „Wir hatten 4,4 Millionen. Jetzt? Niemand weiß es genau."

Die jugoslawische Volkszählung von 1991 — die letzte vor dem Krieg — erfasste 4.377.033 Einwohner in Bosnien und Herzegowina. Es war ein ethnisch durchmischtes Land: rund 43,7 % Bosniaken (muslimische Südslawen), 31,4 % Serben, 17,3 % Kroaten und etwa 5,5 % Menschen, die sich schlicht als „Jugoslawen" bezeichneten — eine Kategorie, die nach dem Krieg praktisch verschwand. Diese Mischung war nicht nur eine statistische Größe, sie war gelebte Realität in Städten wie Sarajevo, Mostar, Banja Luka, Foča und Prijedor, wo Nachbarn unterschiedlicher Konfessionen seit Generationen nebeneinander lebten.

Was dann zwischen April 1992 und Dezember 1995 geschah, war kein Zufall. Es war systematisch. Und es hat die demografische Landschaft Bosniens unwiederbringlich verändert.

Der Krieg als demografische Waffe: Ethnische Säuberungen und ihre Folgen

Der Begriff „ethnische Säuberung" klingt bürokratisch, fast steril. Er beschreibt in Wirklichkeit das gewaltsame Vertreiben, Ermorden und Einschüchtern von Bevölkerungsgruppen, um ein Territorium ethnisch homogen zu machen. Im bosnischen Krieg war dies kein Nebeneffekt — es war das erklärte Ziel bestimmter politischer und militärischer Akteure auf serbischer wie kroatischer Seite.

Das Ergebnis: Schätzungsweise 2,2 Millionen Menschen wurden während des Krieges vertrieben oder flohen. Davon kehrten nach Kriegsende viele nicht zurück. Rund 100.000 Menschen kamen ums Leben, darunter etwa 8.000 Bosniaken beim Massaker von Srebrenica im Juli 1995 — dem schlimmsten Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, vom Internationalen Gerichtshof als Genozid eingestuft.

Regionen, die 1991 ethnisch gemischt waren, sind heute weitgehend homogen. Das ist kein natürlicher Prozess. Es ist das Ergebnis von Gewalt:

  • Prijedor (Nordbosnien): 1991 zu etwa 44 % bosnisch-muslimisch, heute überwiegend serbisch. Die Lager Omarska, Keraterm und Trnopolje sind Symbole dieser Gewalt.
  • Foča (Ostbosnien): Vor dem Krieg fast zur Hälfte bosnisch-muslimisch, heute nahezu ausschließlich serbisch — und während des Krieges in „Srbinje" umbenannt.
  • Mostar: Die Stadt wurde entlang der Neretva geteilt — westlicher Teil kroatisch, östlicher Teil bosnisch-muslimisch. Diese Teilung ist bis heute im Stadtbild spürbar, auch wenn der Stari Most wieder steht.

Wenn ich heute durch Mostar gehe und die unsichtbare Linie zwischen den Stadtteilen überquere, denke ich immer an die Volkszählung von 1991. Damals lebten hier rund 35.000 Menschen, davon ein buntes Gemisch aus Bosniaken, Kroaten und Serben. Heute ist die Stadt politisch und demografisch gespalten wie kaum eine andere in Europa.

Die Volkszählung 2013 — und warum sie so umstritten ist

Es dauerte bis 2013, ehe Bosnien & Herzegowina nach dem Krieg erstmals wieder eine offizielle Volkszählung durchführen konnte. Das Ergebnis: 3.531.159 Einwohner. Ein Rückgang von fast einer Million Menschen gegenüber 1991 — und das trotz einer Geburtenrate, die in den 1980er Jahren noch positiv war.

Doch die Volkszählung 2013 ist bis heute politisch heiß umstritten. Die Republika Srpska — eine der beiden Entitäten des Landes — erkannte die Ergebnisse teilweise nicht an und behauptete, die Zahlen seien manipuliert, um die serbische Bevölkerung kleinzurechnen. Auf der anderen Seite warfen bosnisch-muslimische Politiker vor, die Diaspora sei nicht korrekt erfasst worden. Beide Seiten haben ein politisches Interesse an bestimmten Zahlen — denn in einem Land, dessen Verfassung auf ethnischen Quoten basiert (dem Dayton-Abkommen von 1995), ist Demografie immer auch Machtpolitik.

Die ethnische Zusammensetzung laut 2013:

Gruppe 1991 (Anteil) 2013 (Anteil)
Bosniaken 43,7 % 50,1 %
Serben 31,4 % 30,8 %
Kroaten 17,3 % 15,4 %
Andere / Jugoslawen ~7,5 % ~2,7 %

Was diese Tabelle nicht zeigt: Die räumliche Verteilung hat sich dramatisch verändert. Bosniaken, die vor dem Krieg über das gesamte Land verteilt lebten, konzentrieren sich heute stärker in der Föderation BiH. Serben leben fast ausschließlich in der Republika Srpska. Die einst selbstverständliche ethnische Durchmischung des Alltags ist in weiten Teilen des Landes Geschichte.

Die anhaltende Abwanderung: Das eigentliche demografische Drama

Wenn mich Studierende in Heidelberg nach der größten Herausforderung Bosniens fragen, nenne ich nicht den Nationalismus oder die dysfunktionale Verwaltung. Ich nenne die Abwanderung. Den odlazak — das Weggehen.

Seit dem EU-Beitritt Kroatiens 2013 und der damit verbundenen Arbeitnehmerfreizügigkeit für bosnische Kroaten hat sich die Emigration massiv beschleunigt. Schätzungen zufolge haben seit 2013 zwischen 150.000 und 200.000 Menschen Bosnien verlassen — viele davon jung, gut ausgebildet, mit Zukunftsperspektiven anderswo. Deutschland, Österreich und die Schweiz sind die wichtigsten Zielländer.

Besonders betroffen sind ländliche Regionen. Dörfer in der Herzegowina, in Nordbosnien, in der Posavina — sie veröden. Schulen schließen, weil es keine Kinder mehr gibt. Krankenhäuser haben keine Ärzte. Ich habe das 2019 bei meinen Recherchen für mein Buch „Bosnien — Eine Kulturgeschichte" (Reclam, 2022) selbst erlebt: In einem Dorf bei Livno zeigte mir ein alter Mann stolz das Gemeindehaus — und erklärte mir dann, dass er der einzige verbliebene Bewohner unter 70 Jahren sei.

Die Zahlen sind alarmierend:

  • Die Geburtenrate liegt bei ca. 1,3 Kindern pro Frau — weit unter dem Bestandserhaltungsniveau von 2,1.
  • Die Diaspora bosnischer Staatsbürger wird auf 1,7 bis 2 Millionen Menschen geschätzt — fast so viele wie im Land selbst leben.
  • Laut Weltbank-Daten ist BiH eines der Länder mit der höchsten Netto-Emigrationsrate weltweit.
  • Schätzungen des bosnischen Statistikinstituts gehen davon aus, dass die tatsächliche Bevölkerung heute eher bei 3,0 bis 3,2 Millionen liegt — nicht bei den offiziell gemeldeten 3,5 Millionen.

Rückkehr und Nichtankunft: Die verpasste Chance nach Dayton

Das Dayton-Abkommen von 1995 enthielt theoretisch ein Recht auf Rückkehr für alle Vertriebenen. Annex 7 garantierte jedem Flüchtling das Recht, in sein Vorkriegshaus zurückzukehren. In der Praxis war die Umsetzung — gelinde gesagt — unvollständig.

Einige Zahlen zur Rückkehr: Bis 2004 kehrten laut UNHCR rund 1 Million Menschen in ihre Heimatgemeinden zurück, darunter etwa 450.000 sogenannte „Minderheitenrückkehrer" — also Menschen, die in Gebiete zurückkehrten, in denen ihre Ethnie nun in der Minderheit war. Das klingt nach einem Erfolg. Ist es aber nur bedingt: Viele dieser Rückkehrer verkauften ihre Häuser kurz nach der Rückkehr und zogen weiter — in die Städte, in die Diaspora, in sicherere Umgebungen. Die Häuser wurden zurückgegeben, die Gemeinschaften nicht wiederhergestellt.

Ich habe 2009 in Foča mit einer bosnisch-muslimischen Frau gesprochen, die nach dem Krieg zurückgekehrt war. Ihr Haus stand noch. Ihre Nachbarn von früher — weg. Neue Nachbarn — serbisch, freundlich, aber fremd. „Ich lebe hier", sagte sie, „aber ich bin nicht zurückgekehrt." Dieser Satz hat mich nie losgelassen.

Was die Zahlen für Reisende bedeuten: Demografie als gelebte Geschichte

Wer heute durch Bosnien reist, liest die Demografiegeschichte an jeder Ecke — wenn er weiß, wonach er schauen muss. Ein paar Hinweise aus meiner Erfahrung:

  • Leere Dörfer in der Herzegowina und Nordbosnien sind nicht pittoresk verlassen — sie sind das Ergebnis von Vertreibung und Emigration.
  • Neue Moscheen in Gebieten, die vor dem Krieg gemischt waren, und neue Kirchen in ehemals muslimisch geprägten Regionen sind sichtbare Markierungen ethnischer Homogenisierung.
  • Die Friedhöfe erzählen Geschichten: In Sarajevo liegen auf dem Kovači-Friedhof tausende weiße Grabsteine aus den Kriegsjahren — alle mit Daten zwischen 1992 und 1995. Es ist unmöglich, daran vorbeizugehen, ohne innezuhalten.
  • Sarajevo selbst ist demografisch interessant: Die Stadt hat heute rund 275.000 Einwohner im Kerngebiet — weniger als die offiziell gemeldeten Zahlen suggerieren, aber auch weniger als die rund 340.000 von 1991, als die Stadt noch stärker ethnisch gemischt war.

Für Reisende, die mehr verstehen wollen als Postkarten-Bosnien, empfehle ich ausdrücklich, die Galerija 11/07/95 in Sarajevo zu besuchen. Sie dokumentiert das Massaker von Srebrenica mit einer Nüchternheit und Würde, die mehr erklärt als jede Statistik. Der Eintritt ist frei, aber die Erschütterung, die man mitnimmt, ist bleibend.

„Die Demografie Bosniens ist kein akademisches Thema. Sie ist die Biografie eines Landes, das versucht, nach einer Amputation wieder laufen zu lernen." — Aus meinen Aufzeichnungen, Sarajevo 2019

Ausblick: Kann Bosnien demografisch überleben?

Die Frage ist nicht dramatisch gestellt — sie ist ernst gemeint. BiH steht vor einem demografischen Dreifachproblem: Niedrige Geburtenrate, anhaltende Emigration, alternde Bevölkerung. Hinzu kommt eine politische Struktur, die nach ethnischen Linien organisiert ist und dadurch wirtschaftliche Reformen blockiert — was wiederum die Emigration antreibt. Ein Teufelskreis.

Hoffnungszeichen gibt es dennoch. Die EU-Beitrittsperspektive, die 2022 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine an Dynamik gewann, könnte wirtschaftliche Impulse setzen. Einige Diaspora-Bosnier kehren zurück — nicht als Flüchtlinge, sondern als Unternehmer, Investoren, Rückkehrer mit Ersparnissen und Ideen. In Sarajevo sehe ich das bei jedem meiner Besuche deutlicher: neue Cafés, Start-ups, ein wachsendes kulturelles Leben, das von Menschen angetrieben wird, die bewusst zurückgekehrt sind.

Ob das ausreicht, um den demografischen Trend umzukehren? Ehrlich gesagt: Ich bezweifle es auf kurze Sicht. Aber Bosnien hat schon Schlimmeres überlebt. Und die Menschen, die bleiben oder zurückkehren, tun das aus einer Überzeugung heraus, die stärker ist als jede Statistik.

Praktische Informationen für historisch interessierte Reisende

Orte, die die Demografiegeschichte erlebbar machen

  • Galerija 11/07/95, Sarajevo — Trg Fra Grge Martića 2/II, Eintritt frei, Mo–Sa 10–18 Uhr
  • Srebrenica-Potočari Memorial — ca. 80 km von Sarajevo, Eintritt frei; Gedenkstätte und Friedhof; Führungen auf Anfrage (empfohlen)
  • Muzej Sarajeva (Stadtmuseum) — Brusa Bezistan, Baščaršija; zeigt Stadtgeschichte vor und nach dem Krieg
  • Tunnel der Hoffnung (Tunel spasa) — Tuneli bb, Butmir; Eintritt ca. 10 KM; Mo–So 9–17 Uhr
  • Historisches Museum BiH — Zmaja od Bosne 5, Sarajevo; umfangreiche Kriegsdokumentation

Empfohlene Lektüre

  • Noel Malcolm: Bosnia: A Short History (1994) — Standardwerk zur Vorgeschichte
  • David Rohde: Endgame — Der Verrat von Srebrenica — Pulitzer-Preis-prämierter Bericht
  • Mein eigenes Buch: Sarajevo — Stadt der vier Religionen (C.H.Beck, 2019) — behandelt die demografischen Schichten der Stadt über Jahrhunderte

Externe Ressource

Die aktuellen demografischen Daten und Minenwartkarten für BiH finden sich beim Bosnisch-Herzegowinischen Minenaktionszentrum (BHMAC) sowie beim Statistischen Institut BiH (bhas.gov.ba).

FAQ — Häufige Fragen zur Demografie Bosniens

Wie viele Einwohner hat Bosnien & Herzegowina heute?

Offiziell laut Volkszählung 2013 rund 3,53 Millionen. Schätzungen gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl durch anhaltende Emigration heute eher bei 3,0 bis 3,2 Millionen liegt. Genaue aktuelle Zahlen sind politisch umstritten.

Wie viele Menschen haben Bosnien wegen des Krieges verlassen?

Während des Krieges 1992–95 wurden schätzungsweise 2,2 Millionen Menschen vertrieben oder flohen. Viele kehrten nicht zurück. Die bosnische Diaspora weltweit umfasst heute 1,7 bis 2 Millionen Menschen — in Deutschland, Österreich, der Schweiz, den USA und anderswo.

Warum ist die Volkszählung 2013 in Bosnien umstritten?

Weil in einem Land, dessen Verfassung auf ethnischen Quoten basiert (Dayton-Abkommen), jede Bevölkerungszahl politische Macht bedeutet. Die Republika Srpska bestritt Teile der Ergebnisse, bosnisch-muslimische Politiker kritisierten die Erfassung der Diaspora. Beide Seiten instrumentalisierten die Zahlen für ihre politischen Ziele.

Welche Städte haben sich demografisch am stärksten verändert?

Foča, Prijedor, Zvornik und Srebrenica im Osten und Norden Bosniens erlebten die drastischsten Veränderungen — von ethnisch gemischten Städten zu weitgehend homogen serbischen Gebieten. In der Herzegowina veränderte sich Mostar durch die kroatisch-bosniakische Konfrontation 1993/94 ebenfalls grundlegend.

Wandern viele junge Bosnier aus?

Ja, massiv. Seit dem EU-Beitritt Kroatiens 2013 haben schätzungsweise 150.000–200.000 Menschen das Land verlassen. Besonders betroffen sind ländliche Regionen. Die Geburtenrate liegt bei ca. 1,3 — weit unter dem Bestandserhaltungsniveau. Die Abwanderung ist das drängendste demografische Problem des Landes.

Können Vertriebene nach dem Krieg zurückgekehrt sein?

Das Dayton-Abkommen garantierte in Annex 7 das Recht auf Rückkehr. Bis 2004 kehrten laut UNHCR rund 1 Million Menschen zurück, darunter 450.000 in Gebiete, wo ihre Ethnie nun in der Minderheit ist. Viele verkauften ihre Häuser jedoch kurz danach und zogen weiter. Die Rückkehr von Häusern bedeutete selten die Rückkehr von Gemeinschaften.

Mein Fazit nach 18 Reisen und zwei Jahrzehnten Forschung

Ich bin seit 2002 nach Bosnien gereist — insgesamt 18 Mal, darunter zwei Forschungsaufenthalte von je sechs Monaten in Sarajevo. In dieser Zeit habe ich erlebt, wie sich das Land verändert: Wunden, die langsam vernarben, aber nie ganz heilen. Eine junge Generation, die das Land ihrer Eltern und Großeltern kennt, aber auch die Welt jenseits der Grenzen. Und eine demografische Realität, die täglich sichtbarer wird — in leeren Dörfern, in Schulen ohne Schüler, in Cafés voller junger Menschen, die über ihre Pläne nach Deutschland sprechen.

Die Einwohnerzahlen 1991 und heute sind mehr als Statistik. Sie sind das Protokoll einer Tragödie und eines noch unvollendeten Wiederaufbaus. Wer Bosnien wirklich verstehen will — nicht als Kulisse, sondern als lebendige Gesellschaft mit einer komplexen Gegenwart — muss diese Zahlen kennen und fühlen. Dann erst erschließt sich, warum dieses Land trotz allem so lebendig, so gastfreundlich und so ungebrochen neugierig auf seine eigene Zukunft ist.

Dr. Matthias Köhler ist Historiker und Balkanologe an der Universität Heidelberg. Sein Buch „Bosnien — Eine Kulturgeschichte" erschien 2022 bei Reclam.

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