Bogumilen — die rätselhafte Häresie
Zwischen Katholizismus und Orthodoxie: Wer waren die Bogumilen wirklich?
Autor: Selma Jusufović
Ein Stein, der mehr Fragen stellt als er beantwortet
Es war ein Herbstnachmittag in Radimlja, kurz vor dem Einbruch der Dämmerung, als ich zum ersten Mal wirklich verstand, warum mich die Bogumilen-Frage nicht loslässt. Die Nekropole liegt ein paar Kilometer westlich von Stolac, auf einem Hügel über dem Bregava-Tal — 133 Stećci, mittelalterliche Grabsteine aus grobem Kalkstein, manche so groß wie Schränke, manche mit Reliefs versehen, die ich damals noch nicht entziffern konnte. Ein Schachbrettmuster hier. Eine Spirale dort. Eine Jagdszene, die aussieht, als käme sie aus einem anderen Jahrhundert.
Mein Begleiter, ein älterer Lehrer aus Stolac, zeigte auf einen der größten Steine und sagte: „Das sind die Grabsteine der Bogumilen." Dann schwieg er, als wäre damit alles gesagt. Ich schwieg auch — aber aus einem anderen Grund. Denn ich wusste, dass dieser Satz, so oft er auch wiederholt wird, wahrscheinlich nicht stimmt. Oder zumindest: nicht die ganze Wahrheit ist.
Was waren die Bogumilen überhaupt?
Beginnen wir mit dem, was wir wissen. Der Begriff Bogumilismus bezeichnet eine dualistische Häresie, die im 10. Jahrhundert auf dem Balkan entstand — benannt nach dem bulgarischen Priester Bogumil, dessen Name auf Altkirchenslawisch etwa „Gott möge sich erbarmen" bedeutet. Die Bewegung war eine östliche Variante des Manichäismus: Sie lehrte, dass die materielle Welt das Werk eines bösen Schöpfergottes sei, während der gute Gott allein im Geistigen wohne. Kein Kreuz, keine Kirche, kein Fleisch, keine Ehe — zumindest für die spirituelle Elite, die sogenannten Perfecti.
Die Bogumilen waren verwandt mit den Katharern in Südfrankreich, mit den Paulikianern in Armenien, mit dem gesamten dualistischen Untergrund des mittelalterlichen Christentums. Sie wurden von der orthodoxen Kirche in Konstantinopel verfolgt, von der katholischen Kirche in Rom verfolgt, vom byzantinischen Kaiser verfolgt — und trotzdem überlebten sie Jahrhunderte lang.
Ihr Einfluss auf Bosnien ist historisch belegt: Im 12. und 13. Jahrhundert war das mittelalterliche Bosnien ein Zufluchtsort für Häretiker aus allen Richtungen. Päpstliche Legaten schrieben besorgte Briefe nach Rom. Kreuzzüge wurden angedroht. Der bosnische Ban Kulin (1163–1204) wurde beschuldigt, Bogumilen zu schützen.
Die bosnische Kirche — kein bogumilisches Kloster
Hier beginnt die eigentliche historiografische Debatte, die mich seit meinem Studium an der Akademie der Künste in Sarajevo beschäftigt. Denn die sogenannte Bosnische Kirche — die eigenständige christliche Institution des mittelalterlichen Bosniens, die weder Rom noch Konstantinopel unterstand — wird bis heute oft mit dem Bogumilismus gleichgesetzt. Das ist ein Fehler.
Die Bosnische Kirche war aller Wahrscheinlichkeit nach eine monastische Gemeinschaft mit starken Eigenheiten, aber keiner ausgeprägt dualistischen Theologie. Ihre Mitglieder nannten sich krstjani — Christen, schlicht und einfach. Sie verwendeten das Kreuz. Sie hatten Kontakt zu Franziskanern. Sie waren keine Bogumilen im theologischen Sinne, auch wenn sie von Rom gelegentlich als solche bezeichnet wurden — was damals eine politische Waffe war, kein akademischer Befund.
Der Historiker John Fine, dessen Standardwerk „The Bosnian Church" (1975, überarbeitet 2007) die wissenschaftliche Debatte bis heute prägt, argumentiert überzeugend: Die Bosnische Kirche war eine schismatische, aber im Kern orthodoxe Gemeinschaft, keine häretische Sekte. Die Gleichsetzung mit den Bogumilen entstand im 19. Jahrhundert — als Teil eines romantisch-nationalistischen Narrativs, das eine originär bosnische Identität jenseits von Serbentum und Kroatentum konstruieren wollte.
Das Narrativ der nationalen Identität
Und hier wird die Geschichte wirklich interessant — und politisch. Im 19. Jahrhundert, als Bosnien zwischen osmanischer Herrschaft und österreichisch-ungarischer Verwaltung stand, suchten bosnische Intellektuelle nach einem Ursprungsmythos, der weder serbisch noch kroatisch war. Die Bogumilen boten sich an: eine autochtone, bosnische Spiritualität, die von beiden großen Kirchen verfolgt worden war. Eine Art religiöser Widerstand avant la lettre.
Dieses Narrativ wurde im 20. Jahrhundert weitergesponnen. Es gibt bis heute Reiseführer, die die Stećci pauschal als „Bogumilen-Grabsteine" bezeichnen. Es gibt Museen, die diese Deutung unreflektiert übernehmen. Und es gibt — das sage ich als jemand, der seit zwölf Jahren über die Kulturszene Sarajevos schreibt — eine gewisse emotionale Investition in diesen Mythos, die jede Korrektur wie einen Angriff auf die bosnische Identität erscheinen lässt.
Das ist verständlich. Aber es ist keine Geschichtswissenschaft.
Stećci — die Grabsteine und ihr wahres Erbe
Was also sind die Stećci, wenn nicht Bogumilen-Grabsteine? Sie sind mittelalterliche Grabmonumente, die zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert entstanden — von Angehörigen aller drei Konfessionen: von Bosniaken, von orthodoxen Serben, von katholischen Kroaten. Sie wurden von Mitgliedern der Bosnischen Kirche aufgestellt, aber auch von Menschen, die eindeutig dem Katholizismus oder der Orthodoxie angehörten.
Ihre Ikonografie ist faszinierend und bis heute nicht vollständig entschlüsselt. Die häufigsten Motive:
- Erhobene rechte Hand — Schwurgestus oder Zeichen der Autorität
- Schachbrettmuster (Karo) — möglicherweise Heraldik der bosnischen Adelsfamilien
- Spiralen und Ranken — kosmologische oder vegetative Symbolik
- Jagdszenen — Hinweis auf den sozialen Status des Verstorbenen
- Tanzende Figuren (Kolo) — Gemeinschaft, Fest, Leben nach dem Tod
- Mond und Sterne — astronomische oder religiöse Symbolik
- Kreuz — christliche Zugehörigkeit, manchmal mit bogumilischen Interpretationen überlagert
Seit 2016 stehen 28 Stećci-Nekropolen auf der UNESCO-Welterbeliste — darunter Radimlja bei Stolac, Dugo Polje im Naturpark Blidinje und mehrere Standorte in der Republika Srpska. Das ist ein wichtiger Schritt, der die Stećci aus dem nationalen Deutungskampf heraushebt und als gemeinsames Erbe aller Südslawen anerkennt.
Wo du Stećci heute sehen kannst
Wer die Stećci wirklich verstehen will, muss sie in situ erleben — nicht im Museum, sondern auf den Hügeln und in den Tälern, wo sie stehen. Meine persönlichen Empfehlungen nach unzähligen Besuchen:
- Radimlja (Stolac): Die eindrucksvollste Nekropole des Landes. 133 Steine, viele mit figürlichen Reliefs. Freier Zugang, Hinweistafeln vorhanden. GPS: ca. 43.087° N, 17.953° O.
- Dugo Polje (Naturpark Blidinje): Rund 150 Steine auf etwa 1.200 m Höhe — mit dem Čvrsnica-Massiv im Hintergrund ein atemberaubender Kontext. Beste Jahreszeit: Mai bis Oktober.
- Mramorje bei Visoko: Weniger bekannt, aber gut erreichbar. Für Besucher, die auf dem Weg zur Bosnischen Pyramide (oder von dort) sind.
- Nationalmuseum Sarajevo (Zemaljski Muzej): Zeigt Stećci in der Dauerausstellung, mit wissenschaftlicher Kontextualisierung. Adresse: Zmaja od Bosne 3, Sarajevo. Öffnungszeiten vor der Reise prüfen.
„Die Stećci sind keine Antworten. Sie sind Fragen, die in Stein gehauen wurden." — Ich habe diesen Satz einmal von einem Archäologen in Sarajevo gehört, dessen Namen ich leider vergessen habe. Er stimmt.
Das Ende der Bosnischen Kirche — und die osmanische Wende
Was mit den Bogumilen — oder den Angehörigen der Bosnischen Kirche — nach der osmanischen Eroberung 1463 geschah, ist ebenfalls umstritten. Die romantische Version: Sie konvertierten massenhaft zum Islam, weil ihnen der neue Glaube nach Jahrhunderten der Verfolgung durch Christen attraktiver erschien. Die nüchterne Version: Konversionen erfolgten aus vielen Gründen — politischem Druck, sozialem Aufstieg, demographischen Verschiebungen — und betrafen alle Bevölkerungsgruppen, nicht nur Häretiker.
Was bleibt, ist ein faszinierendes Puzzle. Die krstjani verschwanden als Institution nach 1463 relativ schnell. Ihre Grabsteine blieben. Ihre Manuskripte — einige davon im Nationalmuseum Sarajevo — blieben. Und ihre Geschichte wurde zu einem Spiegel, in dem jede Generation Bosniens etwas anderes sah: Märtyrer, Vorläufer, Symbole, Projektionsflächen.
Mein Fazit nach einem Leben mit dieser Frage
Ich bin in Sarajevo aufgewachsen und habe Kunstgeschichte an der Akademie studiert. Ich habe die Stećci-Nekropolen von Radimlja bis Dugo Polje besucht, habe mit Archäologen, Historikern und Dorfbewohnern gesprochen, habe mittelalterliche Inschriften entziffert und bogumilische Ikonografie in Berliner Ausstellungen kuratiert. Und meine ehrliche Einschätzung ist diese:
Die Bogumilen sind realer als ihr Mythos — aber ihr Mythos ist mächtiger als ihre Geschichte. Das mittelalterliche Bosnien war ein Ort religiöser Ambiguität, an dem sich Ost und West, Orthodoxie und Häresie, Verfolgung und Toleranz überlagerten. Die Stećci sind das steinerne Zeugnis dieser Ambiguität. Sie gehören keiner Konfession, keiner Nation, keiner einfachen Erklärung.
Wer nach Radimlja fährt und vor diesen Steinen steht, versteht Bosnien besser als durch jeden Reiseführer. Nicht weil die Antworten dort stehen. Sondern weil die Fragen so schön formuliert sind.