Belagerung von Sarajevo — 1.425 Tage

Die längste Stadtbelagerung der modernen Kriegsgeschichte — Chronologie und Erinnerung

Autor: Lukas Berger

Was war die Belagerung von Sarajevo — und warum war sie so außergewöhnlich?

Die Belagerung von Sarajevo begann am 5. April 1992 und endete offiziell am 29. Februar 1996 — 1.425 Tage. Sie gilt als die längste Belagerung einer Hauptstadt in der Geschichte moderner Kriege, länger als die Belagerung Leningrads (872 Tage) im Zweiten Weltkrieg. Bosnisch-serbische Streitkräfte der Vojska Republike Srpske (VRS) unter General Ratko Mladić umzingelten die Stadt von den umliegenden Bergen aus — den Hängen des Trebević, der Bjelašnica, des Igman — und beschossen sie mit Artillerie, Mörsern und Scharfschützenfeuer.

Ich bin in Sarajevo aufgewachsen. Meine Mutter erinnert sich an den Geruch der Holzöfen, die man beheizte, weil es keinen Strom gab. Mein Onkel lief täglich durch die berüchtigte Sniper Alley — die heutige Ulica Zmaja od Bosne — und zählte die Sekunden zwischen den Häusern. Was ich als Kulturjournalistin über die Belagerung weiß, habe ich nicht aus Büchern. Es ist in dieser Stadt eingeschrieben, in die Gehsteige, die Fassaden, die Gesichter der Älteren.

Die Chronologie: 1.425 Tage in der Zeitlinie

Um die Belagerung zu verstehen, muss man sie in Phasen denken. Sie war kein gleichförmiges Grauen — sie hatte Eskalationen, diplomatische Pausen, Momente falscher Hoffnung und Rückschläge.

Phase 1: Der Ausbruch (April–August 1992)

Am 5. April 1992 — dem Tag, an dem die Europäische Gemeinschaft Bosnien-Herzegowina als unabhängigen Staat anerkannte — eröffneten Scharfschützen das Feuer auf Friedensdemonstranten vor dem Parlamentsgebäude. Suada Dilberović und Olga Sučić wurden erschossen. Zwei Frauen, eine Bosniakerin, eine Kroatin — ihr Tod steht symbolisch für das, was folgen sollte. Die Brücke über die Miljacka, von der aus die Schüsse fielen, trägt heute ihren Namen: Suada-i-Olga-Brücke.

Innerhalb weniger Wochen war die Stadt vollständig eingeschlossen. Die VRS kontrollierte die Hügel, die Flughafenpiste, die Zufahrtsstraßen. Rund 340.000 Menschen saßen in der Falle. Die Versorgung mit Strom, Wasser und Lebensmitteln brach zusammen.

Phase 2: Das Überleben im Alltag (1992–1994)

Was folgte, war kein Krieg im klassischen Sinne — es war ein Krieg gegen den Alltag. Die Bewohner Sarajevos entwickelten eine eigene Ökonomie des Überlebens. Wasser holte man aus dem Fluss Miljacka oder aus Quellen — unter Beschuss. Holz wurde aus Parks und Häusern geschlagen. Der Markale-Markt im Stadtzentrum wurde zweimal Ziel von Mörserbeschuss: Am 5. Februar 1994 starben dort 68 Menschen, am 28. August 1995 weitere 43. Der Markt existiert noch heute — wer ihn besucht, findet eine schlichte Gedenktafel.

Gleichzeitig funktionierte die Stadt auf eine Art weiter, die Außenstehende verblüffte. Das Sarajevo Film Festival — heute das größte Filmfestival Südosteuropas — wurde 1995, mitten in der Belagerung, gegründet. Ich sage das nicht, um Heroismus zu romantisieren. Sondern weil es zeigt, was Menschen tun, wenn sie ihre Würde verteidigen: Sie machen Kunst.

Phase 3: Der Tunnel der Hoffnung (1993–1995)

Das wichtigste Bauwerk der Belagerung ist kein Monument — es ist ein Loch im Boden. Der Tunel spasa (Tunnel der Hoffnung), 800 Meter lang, 1,5 Meter hoch, gegraben unter der Flughafenpiste, verband das belagerte Sarajevo mit dem freien bosnischen Territorium. Er wurde im Juli 1993 fertiggestellt und war bis Kriegsende die einzige Lebensader der Stadt. Täglich passierten Lebensmittel, Waffen, Medikamente — und Menschen — diesen Tunnel.

Das Haus der Familie Kolar, durch das der Tunnel führte, ist heute ein Museum: das Tunel spasa Museum in Butmir, Tunnel 1 bb. Der erhaltene Abschnitt ist etwa 25 Meter lang und begehbar. Eintritt ca. 5 KM (Stand 2026, vor Besuch prüfen). Öffnungszeiten täglich, Sommer 9–17 Uhr, Winter 9–15 Uhr — bitte vorab bestätigen. GPS: 43.8274° N, 18.3310° O.

„Wir haben nicht überlebt, weil wir Helden waren. Wir haben überlebt, weil wir keine andere Wahl hatten."

Phase 4: NATO-Intervention und Kriegsende (1995–1996)

Nach dem zweiten Markale-Massaker im August 1995 reagierte die NATO mit der Operation Deliberate Force — Luftangriffe auf VRS-Stellungen. Die Wirkung war schnell: Die Belagerung lockerte sich. Das Dayton-Abkommen wurde am 21. November 1995 paraphiert und am 14. Dezember 1995 in Paris unterzeichnet. Am 29. Februar 1996 wurde die Belagerung offiziell für beendet erklärt. Die Bilanz: Über 11.541 Menschen starben in Sarajevo während der Belagerung, darunter mehr als 1.600 Kinder. Rund 50.000 wurden verwundet.

Die Orte der Erinnerung — wo Sarajevo die Belagerung trägt

Sarajevo ist kein Freilichtmuseum des Krieges. Aber wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, sieht die Schichten. Ich zeige Besuchern immer dieselben Stellen — nicht als Kuriositäten, sondern als Texte, die man lesen lernen muss.

Sarajevo-Rosen

Überall im Stadtbild finden sich Sarajevo-Rosen: Einschläge von Mörsergranaten im Asphalt, die mit rotem Kunstharz ausgefüllt wurden. Nicht alle Einschläge wurden so markiert — nur jene, bei denen mindestens drei Menschen starben. Es sind Wunden, die man sichtbar gelassen hat. Die dichteste Konzentration findet sich in der Innenstadt, besonders rund um die Fußgängerzone Ferhadija und den Markale-Markt.

Sniper Alley — Ulica Zmaja od Bosne

Die breite Magistrale, die heute die Hauptverkehrsader Sarajevos ist, war während der Belagerung die gefährlichste Straße der Stadt. Scharfschützen auf den Hängen des Trebević und in Hochhäusern beschossen jeden, der die Straße überquerte. Heute fahren hier Trams. Das Hotel Holiday (das gelbe Hochhaus, heute Holiday Inn) war das Pressehauptquartier der Weltmedien — und gleichzeitig einem konstanten Beschuss ausgesetzt.

Galerija 11/07/95

Die wichtigste Gedenkstätte für das Massaker von Srebrenica befindet sich nicht in Srebrenica, sondern in Sarajevo: die Galerija 11/07/95 in der Trg Oslobođenja (Ferhadija 1). Fotografien, Videos, persönliche Gegenstände. Der Besuch dauert mindestens 90 Minuten — wenn man ihn ernst nimmt. Eintritt frei. Geöffnet Mo–Fr 10–18 Uhr, Sa 10–15 Uhr (Stand 2026, bitte vorab prüfen).

War Childhood Museum

Das War Childhood Museum (Logavina 32) zeigt, was Krieg für Kinder bedeutet — durch persönliche Gegenstände und kurze Texte von Menschen, die den Krieg als Kinder erlebt haben. Es ist das vielleicht intimste Museum der Stadt. 2018 gewann es den Council of Europe Museum Prize. Eintritt ca. 10 KM (Stand 2026).

Šehidsko Mezarje Kovači — der Friedhof auf dem Hang

Der Kriegsfriedhof in Kovači, direkt oberhalb der Altstadt, ist kein Ort der Stille — er ist ein Ort der Präsenz. Weiße Grabsteine, eng gestellt, auf einem Hang, der früher ein Park war. Hier liegt auch Alija Izetbegović, der erste Präsident Bosnien-Herzegowinas. Der Friedhof ist frei zugänglich, Respekt vor Gebetszeiten ist angebracht.

Was die Belagerung für das heutige Sarajevo bedeutet

Ich werde oft gefragt, ob Sarajevo eine „traurige Stadt" ist. Die Antwort ist nein — aber sie ist eine Stadt, die gelernt hat, mit dem Gewicht ihrer Geschichte zu leben. Das Sarajevo Film Festival, das Jazz Fest, die lebhafte Café-Kultur in der Baščaršija: Das ist keine Verdrängung. Das ist Fortführung einer Tradition des Widerstands durch Kultur, die während der Belagerung begann.

Gleichzeitig gibt es Dinge, die nicht heilen. Die politische Dysfunktion des Dayton-Systems. Die ethnische Segregation in den Schulen. Die Abwanderung junger Menschen. Wer Sarajevo wirklich verstehen will, muss beides sehen: die Vitalität und die offenen Wunden.

Als ich 2022 die Bosnien-Sektion einer Berliner Kunstausstellung kuratierte, wählte ich bewusst Werke, die nicht im Trauma steckengeblieben sind — sondern die zeigen, was danach kommt. Bosnische Künstlerinnen und Künstler der Nachkriegsgeneration arbeiten mit der Belagerung als Material, nicht als Schicksal. Das ist der Unterschied, den ich Besuchern erklären möchte.

Praktische Informationen für Besucherinnen und Besucher

Geführte Touren: Eine Kriegstour mit einem Veteranen ist für viele Besucher der eindrücklichste Weg, die Belagerung zu verstehen. Auf GetYourGuide buchbar, ca. 39 € pro Person (Stand 2026), Bewertung 4,9 von 5 bei über 600 Bewertungen. Der persönliche Bericht eines Menschen, der dabei war, ersetzt kein Museum — er ergänzt es.

Anreise zum Tunnel-Museum: Tram 3 Richtung Ilidža bis Haltestelle Stup, dann ca. 10 Minuten zu Fuß oder Taxi. Fahrzeit ab Baščaršija ca. 25 Minuten.

Mein Fazit nach einem Leben in dieser Stadt

Ich habe keine Distanz zur Belagerung von Sarajevo. Ich lebe in ihr — in dem Sinne, dass ich jeden Tag in einer Stadt lebe, die von ihr geformt wurde. Für Besucherinnen und Besucher, die aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz kommen, ist Sarajevo oft eine Überraschung: Sie erwarten Schwere und finden Lebendigkeit. Sie erwarten Ruinen und finden eine funktionierende, manchmal chaotische, manchmal wunderschöne Großstadt.

Was ich mir wünsche: dass Reisende die Gedenkstätten nicht als Pflichtprogramm abhaken, sondern als Einladung zum Nachdenken begreifen. Die 1.425 Tage sind keine Zahl in einem Geschichtsbuch. Sie sind die Grundlage, auf der diese Stadt heute steht. Und sie erklären, warum die Menschen hier den Kaffee so langsam trinken — als hätte man gelernt, jeden ruhigen Moment zu schätzen.

Weiterführende Informationen zur Gedenkarbeit in Bosnien-Herzegowina bietet das International Commission on Missing Persons (ICMP), das seit 1996 an der Identifizierung der Opfer arbeitet.

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