Bahnreise nach Bosnien — geht das wirklich?
Ein ehrlicher Erfahrungsbericht von Sarajevo aus gesehen
Autor: Selma Jusufović
Die kurze Antwort: Ja, aber mit Abstrichen
Ich werde oft gefragt, ob man mit dem Zug nach Sarajevo kommen kann. Meine Antwort ist immer dieselbe: Ja — aber erwarte keinen ICE-Komfort und plane doppelt so viel Zeit ein wie du denkst. Bosnien & Herzegowina hat ein Schienennetz, das zu weiten Teilen noch aus der jugoslawischen Ära stammt. Das bedeutet: malerisch, langsam, manchmal abenteuerlich. Manchmal auch einfach nervig.
Wer aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz mit der Bahn anreisen möchte, hat im Wesentlichen zwei realistische Routen — und eine davon ist tatsächlich eine der schönsten Zugstrecken auf dem Balkan. Ich erkläre dir beide, ohne Schönfärberei.
Route 1: Wien – Sarajevo (die klassische Verbindung)
Die bekannteste Zugverbindung nach Bosnien führt über Wien. Von Wien Hauptbahnhof fährt ein Nachtzug nach Zagreb, von dort weiter nach Sarajevo. Klingt einfach — ist es aber nicht ganz.
Das Problem: Es gibt keine durchgehende Zugverbindung von Wien direkt nach Sarajevo ohne Umstieg. Du musst in Zagreb umsteigen, und die Verbindung von Zagreb nach Sarajevo ist der eigentliche Knackpunkt. Der Zug von Zagreb nach Sarajevo — betrieben von Željeznice Federacije BiH (ŽFBH), den Bosnisch-Herzegowinischen Bundesbahnen — fährt einmal täglich. Abfahrt in Zagreb ist in der Regel am frühen Morgen, Ankunft in Sarajevo am Nachmittag. Die Strecke dauert offiziell etwa 8 bis 9 Stunden, in der Praxis gerne auch mal 10 bis 11.
Warum so lang? Die Strecke führt durch das bosnische Hochland, durch enge Täler und über Viadukte, die seit Jahrzehnten nicht modernisiert wurden. Die Züge fahren entsprechend langsam. Ich war 2019 zuletzt auf dieser Strecke — und ich sage dir: Die Landschaft entschädigt für alles. Zwischen Banja Luka und Sarajevo fährt der Zug durch das Tal der Bosna, entlang eines reißenden Flusses, vorbei an Schluchten und kleinen Dörfern, die aussehen als hätte die Zeit sie vergessen. Es ist wirklich schön. Aber du brauchst Geduld.
Praktische Infos zur Route Wien – Sarajevo
- Gesamtdauer: ca. 14–17 Stunden (je nach Anschluss in Zagreb)
- Umstieg: Zagreb Hauptbahnhof (Wartezeit variiert stark)
- Preis Wien–Zagreb: ab ca. 29 € (ÖBB Sparschiene), Nachtzug-Liegewagen ab ca. 49 €
- Preis Zagreb–Sarajevo: ca. 20–30 € (Tickets direkt bei ŽFBH oder an der Kasse)
- Online-Buchung: Zagreb–Sarajevo ist nicht über die ÖBB-App buchbar — du musst direkt bei den bosnischen Bahnen oder an der Kasse kaufen
- Pünktlichkeit: Plane großzügig — Verspätungen von 30–90 Minuten sind keine Seltenheit
Route 2: Budapest – Sarajevo (die Geheimroute)
Weniger bekannt, aber für Reisende aus Ostdeutschland oder Tschechien interessant: die Verbindung über Budapest. Von Budapest Keleti gibt es eine Verbindung über Pécs und Osijek nach Sarajevo. Auch hier mit Umstiegen, auch hier langsam — aber landschaftlich ebenfalls eindrucksvoll, sobald man die bosnische Grenze überquert hat.
Diese Route ist noch weniger gut dokumentiert als die Wien-Variante. Ich empfehle sie nur, wenn du bereits Balkan-Erfahrung hast und flexibel mit Verspätungen umgehen kannst.
Die Strecke, die ich wirklich empfehle: Mostar – Sarajevo
Wenn du ohnehin vorhast, Bosnien zu bereisen und bereits in der Region bist — etwa nach einem Kroatien-Urlaub in Split oder Dubrovnik — dann ist die Zugstrecke von Mostar nach Sarajevo ein absolutes Muss. Diese Strecke ist für mich eine der schönsten Zugfahrten Europas, kein Witz.
Der Zug fährt von Mostar durch das Neretva-Tal bergaufwärts, durch Tunnels, über Brücken, vorbei an smaragdgrünen Stauseen. Bei Ivan Sedlo, dem höchsten Punkt der Strecke auf etwa 1.000 Metern, ändert sich die Vegetation schlagartig — plötzlich bist du in einer anderen Welt. Ich fahre diese Strecke immer noch, obwohl ich sie schon dutzende Male gemacht habe. Jedes Mal ist das Licht anders.
Praktische Infos Mostar – Sarajevo
- Dauer: ca. 2,5 bis 3 Stunden
- Preis: ca. 8–12 € (Ticket an der Kasse in Mostar oder Sarajevo)
- Abfahrten: Zweimal täglich (morgens und nachmittags — Zeiten können variieren, immer vor Ort prüfen)
- Bahnhof Sarajevo: Željeznicka Stanica Sarajevo, Put Života 2 — fußläufig vom Stadtzentrum
- Bahnhof Mostar: Kolodvorska bb — 10 Minuten zu Fuß vom Stari Most
- Tipp: Setz dich auf die rechte Seite in Fahrtrichtung Sarajevo — da hast du die bessere Aussicht auf die Stauseen
Was du über das bosnische Bahnnetz wissen musst
Bosnien & Herzegowina hat zwei Eisenbahngesellschaften — eine für die Föderation (ŽFBH) und eine für die Republika Srpska (ŽRS). Das klingt absurd, ist aber historisch-politisch gewachsen und spiegelt die komplizierte Staatsstruktur des Landes wider. In der Praxis bedeutet das: Die Koordination ist suboptimal, Strecken sind oft nicht durchgehend, und ein modernes Online-Buchungssystem existiert faktisch nicht.
Das Streckennetz ist im Vergleich zu westeuropäischen Standards sehr begrenzt. Viele Orte, die du als Tourist besuchen möchtest — Blagaj, Počitelj, Kravica, Jajce — sind mit dem Zug schlicht nicht erreichbar. Für die meisten Destinationen in Bosnien brauchst du entweder ein Auto, einen Bus oder eine organisierte Tour.
„Der Zug in Bosnien ist keine Transportlösung — er ist eine Erfahrung. Wer ihn als Erfahrung bucht, wird begeistert sein. Wer ihn als effizienten Weg von A nach B erwartet, wird frustriert sein."
Alternativen zur Bahn: Bus schlägt Zug fast immer
Ich sage das als jemand, die Züge liebt: In Bosnien ist der Bus die bessere Wahl für die meisten Verbindungen. Das klingt ernüchternd, ist aber die Wahrheit. Das Busnetz in BiH ist deutlich dichter, die Verbindungen sind häufiger, und die Reisezeiten sind oft kürzer.
Von Wien, München oder Frankfurt gibt es direkte Busverbindungen nach Sarajevo — betrieben von Unternehmen wie FlixBus, Eurolines oder bosnischen Anbietern. Die Fahrt von Wien nach Sarajevo dauert mit dem Bus etwa 8–9 Stunden und kostet ab ca. 25–40 €. Komfortabler als du denkst, ehrlich gesagt.
Innerhalb Bosniens verbinden Busse alle wichtigen Städte zuverlässig: Sarajevo–Mostar (ca. 2,5 Stunden, 10–14 €), Sarajevo–Banja Luka (ca. 3 Stunden), Sarajevo–Tuzla (ca. 2 Stunden). Tickets kaufst du an der Busstation oder direkt beim Fahrer.
Praktische Box: Bahnreise nach Bosnien auf einen Blick
| Route | Dauer | Preis ca. | Bewertung |
|---|---|---|---|
| Wien – Sarajevo (Zug) | 14–17 Std. | 50–80 € | Für Zugliebhaber mit Zeit |
| Budapest – Sarajevo (Zug) | 12–15 Std. | 40–70 € | Für Abenteuerlustige |
| Mostar – Sarajevo (Zug) | 2,5–3 Std. | 8–12 € | ⭐⭐⭐⭐⭐ Absolutes Muss |
| Wien – Sarajevo (Bus) | 8–9 Std. | 25–40 € | Praktischste Option |
| Flug nach Sarajevo (SJJ) | 1,5–2 Std. Flugzeit | 80–200 € | Schnellste Option |
Wichtig: Für Reisende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ist kein Visum nötig — der Personalausweis genügt. Die Landeswährung ist die Konvertibilna Marka (KM), fest an den Euro gekoppelt (1 € = 1,95583 KM). Am Bahnhof Sarajevo gibt es eine Wechselstube.
Interrail und Eurail: Gilt das in Bosnien?
Eine Frage, die mir regelmäßig gestellt wird: Kann ich mit meinem Interrail-Pass nach Bosnien fahren? Die Antwort ist ernüchternd: Bosnien & Herzegowina ist kein Interrail-Land. Der Pass gilt hier nicht. Du musst Tickets direkt bei den bosnischen Bahnen kaufen — entweder an der Kasse oder, falls verfügbar, über die Website der ŽFBH (die allerdings nicht immer zuverlässig funktioniert).
Für die Strecke Zagreb–Sarajevo empfehle ich, das Ticket direkt am Bahnhof in Zagreb zu kaufen — dort gibt es in der Regel englischsprachiges Personal und die Verbindung ist bekannt. Alternativ hilft die offizielle Website der Željeznice FBiH weiter, auch wenn die Benutzeroberfläche etwas gewöhnungsbedürftig ist.
Mein Fazit nach einem Leben in Sarajevo
Ich lebe in Sarajevo, ich kenne dieses Land in- und auswendig, und ich sage dir ehrlich: Die Bahnreise nach Bosnien ist kein bequemer Reiseweg — sie ist ein Erlebnis. Wer die Strecke Mostar–Sarajevo mit dem Zug fährt, wird eine der unvergesslichsten Zugfahrten seines Lebens erleben. Wer aus Deutschland anreist und hofft, komfortabel und pünktlich mit dem Zug anzukommen, wird enttäuscht sein.
Meine Empfehlung: Fliege nach Sarajevo oder komm mit dem Bus — und mach dann, wenn du schon da bist, unbedingt die Zugfahrt von Mostar zurück nach Sarajevo. So kombinierst du das Beste aus beiden Welten: Effizienz bei der Anreise und Romantik auf der Strecke, die es verdient.
Das Bosnien, das ich liebe, zeigt sich nicht auf Autobahnen. Es zeigt sich zwischen zwei Tunnels, wenn plötzlich das Neretva-Tal aufgeht und du verstehst, warum Menschen hier seit Jahrhunderten geblieben sind.
FAQ — Häufige Fragen zur Bahnreise nach Bosnien
Gibt es einen direkten Zug von Deutschland nach Sarajevo?
Nein. Es gibt keine direkte Zugverbindung von Deutschland nach Sarajevo. Du musst mindestens einmal umsteigen — in der Regel in Wien oder Zagreb. Die Gesamtreisezeit beträgt 16–20 Stunden.
Gilt mein Interrail-Pass in Bosnien?
Nein. Bosnien & Herzegowina ist kein Interrail-Partnerland. Du musst Zugtickets direkt bei den bosnischen Bahnen kaufen.
Wie oft fährt der Zug von Zagreb nach Sarajevo?
In der Regel einmal täglich. Die genauen Abfahrtszeiten ändern sich saisonal — immer direkt bei den Željeznice FBiH (ŽFBH) oder am Bahnhof Zagreb prüfen.
Ist die Zugstrecke Mostar–Sarajevo wirklich so schön?
Ja. Die Strecke durch das Neretva-Tal und über Ivan Sedlo gehört zu den landschaftlich schönsten Zugstrecken Südosteuropas. Unbedingt tagsüber fahren und auf die rechte Seite (in Fahrtrichtung Sarajevo) setzen.
Was kostet das Zugticket von Zagreb nach Sarajevo?
Ca. 20–30 €, je nach Klasse. Tickets sind an der Kasse erhältlich — Online-Buchung ist möglich, aber nicht immer zuverlässig.
Ist der Bus eine bessere Alternative zum Zug?
Für die Anreise aus Westeuropa: meistens ja. Das Busnetz in Bosnien ist deutlich dichter als das Bahnnetz, Verbindungen sind häufiger und Preise vergleichbar. Für das Erlebnis unterwegs in Bosnien: Der Zug Mostar–Sarajevo ist unschlagbar.